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2000 Jahre Kevelaerer Heimat

Teil 6: Von 1643 bis 1714
Wir Preußen | Als König Wilhelm kam

Logo Kevelaerer HeimatNach einem letzten Versuch der niederländischen Generalstaaten, sich der Festungsstadt Geldern zu bemächtigen (13. Mai 1643), keimt unter den Menschen, die seit Generationen nur Krieg und Not kennengelernt haben, die Hoffnung auf Frieden auf.

1645 wird der Ort Kervenheim durch ein Brandunglück fast vollständig zerstört. In Venlo soll für 1646 eine Synode einberufen werden, damit die Mirakel zu Kevelaer geprüft werden. Davon hängt die kirchliche Anerkennung der Kevelaer-Wallfahrt ab. Aber wegen der politischen Lage wird die Synode um ein Jahr verschoben. Der kirchliche Prozess endet mit der Approbation: Dem Gelderner Kaufmann Hendrik Busmann wird Glauben geschenkt, acht Heilungswunder werden anerkannt.

Am 30. Januar 1648 ist in Münster der lange ersehnte Friede unter den beteiligten europäischen Mächten ausgehandelt. Der König von Spanien erkennt die Vereinigten Niederlande (Generalstaaten) als freien Staat an. Der größte Teil des Oberquartiers Geldern bleibt bei der spanischen Krone.

Aber die Menschen wer den von den absolutistischen Herrschern um Frieden und Glück betrogen - wie in den Jahrhunderten zuvor. Als König Philipp IV. 1665 stirbt und sein erst vierjähriger Sohn Karl II. auf den spanischen Thron klettert, fällt Frankreichs König Ludwig XIV., der Ansprüche auf das spanische Erbe erhebt, mit seinen Soldaten mordend ins Gelderland ein.

Ludwig rüstet gegen die völkerrechtlich anerkannte Republik Niederlande zum Kampf. Am 7. April 1672 erklärt er ihr den Krieg. Frankreich erobert die Provinzen Gelderland, Overijssel und Utrecht. Auf das Drängen von Brandenburg lässt sich der deutsche Kaiser Leopold I. dazu bewegen, den Niederländern zu helfen. Er, aber auch Spanien - zu dem das Oberquartier Geldern gehört - erklären Frankreich den Krieg (1673). Die von Frankreich okkupierten Gebiete werden zurückerobert.

Der spanische König, der Ende 1700 stirbt, ist kaum unter der Erde, da beginnt der Spanische Erbfolgekrieg (1701 - 1713), und das Gelderland ist wieder im Kriegszustand. Herzog Philipp von Anjou wird als Philipp V. zum König von Spanien ausgerufen. Frankreichs Ludwig XIV. lässt sofort die Spanischen Niederlande und damit das Oberquartier Geldern besetzen. Französische Truppen rücken am 20. März 1701 in Roermond und Venlo und am Tag darauf in Geldern ein.

In weniger als einem Jahr haben sich fast alle europäischen Mächte wieder gegenseitig den Krieg erklärt. Die Burg Kervenheim, im verfeindeten Herzogtum Kleve gelegen, wird 1702 von französischen Truppen erstürmt und geplündert. Im selben Jahr wird Sonsbeck gebrandschatzt und zerstört. Venlo wird am 23. September, Roermond am 7. Oktober von der Allianz gegen Frankreich zurückerobert. Die Franzosen halten am Niederrhein nur noch die Festungen Rheinberg und Geldern.

Im Januar 1703 stehen die Niederlande mit zweitausend Mann vor Geldern und bereiten den Sturm auf die Garnisonsstadt vor. Der preußische König, der zur Allianz gegen Frankreich gehört, ist in Sorge, dass sich die Generalstaaten der Stadt bemächtigen könnten. Als Rheinberg im Februar kapituliert, werfen die Preußen alle Kräfte auf die Eroberung von Geldern. Hinter der ersten Angriffslinie legen sie mehrere Schanzen an: in Hartefeld am Weg von Geldern nach Nieukerk, in Pont an der Straße nach Straelen, in Veert am Weg nach Kevelaer und am Pannofen an der Straße nach Issum.

Als sich die Belagerung bis in den Sommer hinzieht und kein Ende abzusehen ist, befiehlt der preußische König die Bombardierung Gelderns. Am 3. Oktober wird das Feuer aus fast 100 Kanonen eröffnet. Der französische Stadtkommandant lehnt Kapitulationsangebote ab und erklärt, bis zum letzten Blutstropfen kämpfen zu wollen. Die Gelderner Bevölkerung sucht Schutz in unterirdischen Räumen. 1200 Kanonenkugeln, 1000 Brandtöpfe und 6000 Bomben legen die Stadt in Schutt und Asche. Am Morgen des Sonntags, 7. Oktober, schießen die Preußen aus allen Rohren. Die Gelderner Bürger fliehen vor dem Inferno; die meisten finden den Tod.

Das Bombardement wird eingestellt, weil auf diese Weise keine Kapitulation zu erzwingen ist und die Preußen keinen Trümmerhaufen erobern wollen. Der französische König stimmt einer ehrenvollen Kapitulation Gelderns zu, und am 23. November erklärt der Gouverneur dem preußischen General, er sei unter ehrenvollen Bedingungen bereit, die Stadt aufzugeben.

Am 17. Dezember 1703 wird das Geldertor den Preußen übergeben. Das Schicksal Gelderns ist besiegelt. Die Stadt wird von den preußischen Truppen eingenommen. Die Spanischen Niederlande, die Frankreich durch Besetzung hat „erben“ wollen, haben aufgehört zu existieren.

Aber Preußen besitzt das Gelderland in den nächsten Jahren lediglich durch Besetzung, noch nicht auf Grund völkerrechtlicher Vereinbarungen. Am 29. Januar 1712 beginnen zu Utrecht Friedensverhandlungen der europäischen Mächte. Das Oberquartier Geldern erweist sich als besonderer Streitpunkt. Der deutsche Kaiser will es haben, der preußische König sowieso, die Generalstaaten erheben auf Teile Besitzansprüche.
Spanien tritt den Großraum Geldern einschließlich Kevelaer an Preußen ab, die Generalstaaten erhalten unter anderem Venlo. Mit dem Vertrag vom 2. April 1713 werden Kevelaer und Geldern preußisch.

König Friedrich Wilhelm lässt am 19. Mai 1713 durch den Kommandanten von Wesel vom Gelderland Besitz ergreifen. Am 13. September huldigt ihm die Bevölkerung während einer Feier in Geldern.

Um diese Zeit ist Kevelaer bereits zu einem großen Wallfahrtsort geworden. Rings um den Kapellenplatz befinden sich Herbergen für Pilger, gekennzeichnet durch Stangen mit Schildern, auf denen Symbole abgebildet sind. Denn die wenigsten Besucher können lesen und schreiben. Schon für das Jahr 1707 sind 300.000 Kevelaer-Besucher gemeldet, was die protestantischen Preußen mit Freude sehen: Sie wollen jeden Pilger kräftig besteuern, was sie dann aber doch nicht tun.

Am 16. Juli 1714 besucht König Wilhelm I. den Wallfahrtsort und sichert ihm seinen persönlichen Schutz zu.

Aus: Martin Willing, 2000 Jahre Kevelaerer Heimat, KB-Beilage 1999/2000

> NÄCHSTES KAPITEL


Teil 1:
> Von 0 bis 1300 | Wir Gallier | Wie alles anfing
Teil 2:
>
Von 1300 bis 1350 | Grundstück verkauft | Erste Zeugnisse für Kevelaer
Teil 3:
> Von 1300 bis 1500 | Hauen und Stechen | Die Grafen und Herzöge des Gelderlands
Teil 4:
> Von 1550 bis 1635 | Freiheitskampf | Die Zeit bis zum Kroaten-Massaker
Teil 5:
> Von 1635 bis 1642 | Mord und Totschlag | Das Chaos vor Entstehung der Wallfahrt
Teil 6:
> Von 1643 bis 1714 | Wir Preußen | Als König Wilhelm kam
Teil 7:
> Von 1715 bis 1805 | Wir Franzosen | Geist der Aufklärung
Teil 8:
> Von 1800 bis 1830 | Napoleons Ende | Die Rückkehr der Preußen
Teil 9:
> Von 1830 bis 1850 | Deutsche Revolution | Neues Selbstbewußtsein der Katholiken
Teil 10:
> Von 1850 bis 1875 | Abschied vom Mittelalter | Auflösung des Kirchenstaats
Teil 11:
> Von 1875 bis 1878 | Kulturkampf | ... und sein Ende 
Teil 12:
> 1879 | Zeitung | Gründung des Kävels Bläche
Teil 13:
> 1880 bis 1881 | Vom Brand bis Wochenmarkt | Zwei Jahre mit großen Veränderungen
Teil 14:
> 1880 bis 1890 | Kaiser Wilhelm | Aufbruchzeiten
Teil 15:
> 1890 bis 1900 | Aufschwung | Kevelaers Wirtschaft boomt
Teil 16:
> 1900 bis 1919 | Das Ende von Preussens Gloria | Kevelaer und der Erste Weltkrieg
Teil 17:
> 1920 bis 1930 | Hilfe aus der Not | Kevelaer am Vorabend des Zweiten Weltkriegs  

© Martin Willing 2012, 2013