Kevelaer-Wallfahrt ganz persönlich | Teil III

Ludger Schmitz ist die 349. Wallfahrt der Kölner Kevelaer-Bruderschaft von 1672 an der Basilika St. Kunibert, mitgegangen. Lesen Sie hier die Fortsetzung seiner Wegbeschreibung.

Die Bleibe

Im „Goldenen Apfel“ habe ich ein Zimmerchen gebucht. Die Dusche tut unheimlich gut. Die Kölner haben ein straffes Tempo vorgelegt. Dann fällt mein Blick auf eine leere Wand und einen Schattenrand…, da hing mal ein Bild. Ich ahne, dass das Hotel vielleicht bald geschlossen wird, das Hotel „Weißes Kreuz“ von Familie Voss hat seine Pilgerherberge auch aufgegeben. – Ich mache einen kleinen Mittagsschlaf und eile dann zur Pilgerandacht in die Basilika und freue mich über eine schöne neue Melodie des Tantum ergo. Der Kevelaerer Organist ist über die Kölner Gesänge bestens informiert.

Niemand da außer einer guten Seele

Und weil bis zum Kreuzweg am Abend noch ein wenig Zeit bleibt, gucke ich im Elternhaus nach, ob vielleicht doch jemand da ist. Fehlanzeige, keiner da! So besuche ich die Nachbarin Fine, eine gute Seele, die meiner Mutter und meinen Geschwistern unendlich viel Gutes getan hat, ohne irgendeine Gegenleistung zu erwarten. Es gibt solche Menschen!

Kreuzweg

Auf dem Rückweg zum Kapellenplatz komme ich an unserem ehemaligen Gemüsehändler vorbei. Dort ist inzwischen ein Schnellimbiss eingezogen. Duft steigt mir in die Nase. Ich merke, dass ich seit dem Frühstück noch nichts gegessen habe. Kurzerhand setze ich mich und bestelle Salat und Pommes. Es schmeckt sehr, sehr lecker!

Danach aber auf den Kapellenplatz! Immer schon wollte ich den Kreuzweg in Kevelaer bewusst gehen. Endlich jetzt die Gelegenheit. Ich bin gespannt, was gesprochen wird. Jeder Kreuzweg ist auch eine didaktische Herausforderung. Die Herausforderung wird von Pfarrer Seul angenommen: das Leid der Corona-Pandemie.

Ganz im Sinne von Papst Franziskus, der auf dem menschenleeren Platz vor dem Petersdom am Karfreitag 2020 sagte:

„Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden …“

Unser global ungerechtes Tun holt uns ein, macht uns einsam.

Lichterprozession

Gelöster wird die Stimmung bei der Lichterprozession. Auch die wollte ich immer schon erleben, habe sie als Kind und Jugendlicher wehmütig angeschaut. Gleich nach der Ankunft in Kevelaer kaufte ich Kerze und roten Windschutz. Der Ladenbesitzer zu mir: Sie sind der erste, der in diesem Jahr für eine Lichterprozession einkauft, Seufz! – Im dunkler werdenden Kevelaer freut sich mein Auge beim Umrunden der Gnadenkapelle über die roten Lichter. Ein echter Trost … im Städtchen der Trösterin der Betrübten!

Abschluss der Lichterprozession in der Kerzenkapelle (Blattus-Archivbild: Delia Evers).

Beisammensein

Anschließend treffen sich viele Pilger im Goldenen Apfel. Ich geselle mich zu meiner bald 82-jährigen Mitpilgerin und den beiden Pfarrern. Die drei tauschen eine ganze Zeitlang Interna aus, ich fühle mich fast fehl am Platze. Außerdem wird’s immer lauter und das Zuhören immer anstrengender. Schließlich aber werde ich doch einbezogen, und als zwei bettschwer die Runde verlassen wollen, werde ich ermahnt, den verbliebenen Pfarrer jetzt nicht allein zu lassen. Und dann kommts über das nächste Modul meiner Ausbildung zum Bestattungsbeauftragten zu einem netten Gespräch. Die Etikette, niemanden allein am Tisch zurückzulassen, ist segensreich, denke ich.

 Am nächsten Morgen

Das Frühstück am nächsten Morgen ist auch ein Segen. Alles Angebotene mundet sehr. Wie bei Frühstücken üblich, kommt das Tischgespräch nur langsam in Fahrt. Gesprächsanteile über unsere Ausbildung zum Bestattungsbeauftragen wiegen zu schwer für den lichten Morgen und werden lieber beendet. Als ein Paar mit Hündchen auftaucht und der männliche Partner interessant über Hundeschulen erzählt, wird es richtig spannend. Mir fallen die Parallelen zur Kindererziehung auf, und in der neuesten Christ in der Gegenwart lese ich das Zitat von einer Therapeutin: „Ich habe einige aktuelle Bücher über Hundeerziehung gelesen und festgestellt, dass man oft nur aus dem Hund das Wort Kind machen muss. Schon würden viele Leute scheinbare Unarten ihres Kindes besser verstehen und Anregungen für sinnvolle Erziehungsmethoden erhalten …“

Da der Goldene Apfel seine lange Tradition als Pilgerherberge aufgibt, verkauft die Eigentümerin den ganzen Hausrat. Ich erwerbe eine runde weiße Tischdecke und freue mich schon darauf, sie zu Hause für kleine Runden aufdecken zu können. Dann geht’s zum Pilgerhochamt, dem Abschluss meiner Wallfahrt nach Kevelaer.

Ich verabschiede mich von Gabriele und Ehemann nicht ohne das Gefühl, dass die Wallfahrt ohne Rückweg eigentlich vorzeitig beendet wird. Tom schenkt mir noch ein Büchlein über die Kirchen und Erinnerungsorte des heiligen Liudger in Billerbeck. Was ich in diesem Moment noch nicht weiß: In den Herbstferien mache ich Urlaub in … Billerbeck, der Stadt, in der der erste Bischof von Münster gestorben ist.

Die "alte" Antoniuskirche in der neuen

Da ich jetzt ohne Anhang bin, fühle ich mich frei und will meine drei Jugendkirchen besuchen. Als erste ist die Pfarrkirche von Kevelaer dran, die Antoniuskirche. Vielleicht ist nirgendwo auf der ganzen weiten Welt so deutlich, dass aus einem kleinen Anfang Größeres werden kann. Der Architekt Baumewerd hat die kleine Ursprungskirche nach dem Brand der Antoniuskirche wunderbar herausmodelliert und einen Teil unter das Dach des Erweiterungsbaus gestellt.

Glasfenster von Joachim Klos

Mit meinem Fernrohr betrachte ich die Fenster im Chor und im Obergaden des Erweiterungsbaus. Joachim Klos ist klasse! Die drei Frauen am leeren Grab zum Beispiel: zärtlicher geht’s nicht! Man muss allerdings ein Fernrohr dabeihaben!

Das Innere der später abgebrannten Kirche

Ich erinnere mich auch an die „alte“ Antoniuskirche, an die vor dem Brand vom 13.1.1982. Ich kannte sie von den Schulgottesdiensten. Sie hatte etwas zutiefst Frommes, führte zum Erschrecken vor dem Heiligen. Das schlichte Weiß des hochaufstrebenden Mittelschiffs, die Kreuzigungsgruppe, dunkel im Gegenlicht vor den Fenstern des Chors. Ich war gerne dort, liebte den Kontrast zu der von den Nazarenern bunt ausgemalten Basilika. … Wir hatten vor vielleicht 50 Jahren unseren Vertrauenslehrer gefragt, warum er nicht mit in den Schulgottesdienst gehe. Er antwortete ehrlich, dass er in der Kirche keine Disziplin einfordern wolle. Es gibt in der Tat keinen schlechteren Ort für die Einforderung von Disziplin als eine Kirche!

Kirche auf dem "Reißbrett"

Wird fortgesetzt. / Hier können Sie Teil I und Teil II nachlesen.

Fotos (3): entnommen dem Buch „Sankt Antonius Kevelaer, Dokumentation 1472 – 2000“, Kevelaer 2000.

Foto (1): entnommen dem Titel der Festschrift zur Kirchweihe 1987.

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