Kevelaer-Wallfahrt ganz persönlich | Teil II

Ludger Schmitz ist die 349. Wallfahrt der Kölner Kevelaer-Bruderschaft von 1672 an der Basilika St. Kunibert, mitgegangen. Lesen Sie hier die Fortsetzung seiner Wegbeschreibung.

Assoziationen

Es gibt auch Phasen der Ruhe. Die Gedanken sind dann frei, bilden Assoziationen. Wie Wolken am Himmel, die dahinziehen, kommen Gedanken und ziehen vorüber.

In der Gegend von Lüllingen stoßen wir auf weite Felder mit lauter Eriken, Töpfchen an Töpfchen. Eine riesige, fahrbare Bewässerungsstange fährt trotz Mittagshitze über das Feld. Mir fällt mein Bruder Michael ein. Er hat in den 1970er-Jahren eine Ausbildung zum Gärtner gemacht, musste aber größtenteils eintopfen oder umtopfen. Er war „Pöttkes-Gärtner“, wie solche Gärtner hier abschätzig genannt werden. Später – als Salesianer in Ghana – hat er Kinder und Jugendliche nicht im Blumen- oder Gemüseanbau unterwiesen – diese Lust hatten ihm die Pöttkes-Gärtner ausgetrieben. Er bot in Blechhallen Tage der offenen Tür an, ließ Kinder erzählen, spielen, malen.

Pilgerreise
Unterwegs nach Kevelaer.

Wie Wolken ziehen

Beim Anblick der Bewässerungsanlage ziehen weitere Gedanken in mich ein und durch mich durch. Ich denke an die Tröpfchen-Berieselung direkt an Wurzeln in der Wüste Israels. Das spart jede Menge Wasser. Und wenn ich an Israel denke, fällt mir natürlich der Berliner Rabbiner Jaacobov ein, den ich im gerade zurückliegenden Urlaub in Eisenach kennengelernt habe. Er schreibt eine Festtags-Thorarolle für die jüdische Gemeinde in Erfurt … trotz des Lockdowns und der Unterstützung seiner vier Kinder im Homeschooling.

Wenn die Kinder schlafen, fängt er an, die Thoratexte zu schreiben, bis tief in die Nacht.

Er wird nicht müde, er macht keine Fehler, er lebt beim Schreiben auf. Obwohl er gehandicapt ist! Während der Schreibphase fing er bei einem Spaziergang in Berlin engelgleich ein Kind auf, das aus dem ersten Stock eines Hauses fiel. Dabei wurde seine linke Schulter verletzt, so dass er eine Bandage tragen muss. Gottseidank ist er Rechtshänder, kann also weiterschreiben.

Vom Tag der Thora

Und wenn ich an Jaacobov denke, fällt mir natürlich auch der „Tag der Thora“ ein, den wir während des Urlaubs in Eisenach erlebt haben. Auf das Gelände der zerstörten Eisenacher Synagoge hatte die christlich-jüdische Initiative Eisenachs eingeladen. Es war ein wunderbarer Tag … trotz der traurigen Ortschaft.

Jaacobov schrieb in seine Thora-Rolle und ließ sich unterbrechen und antwortete auf Fragen. Eine hätte ich ihm gerne gestellt, habe mich aber nicht getraut: In einer kleinen Broschüre über den Thora-Schreiber als Bewahrer des Gotteswortes las ich, dass der Schreiber, wenn er beginnt, den Namen Gottes zu schreiben und just in diesem Moment von einem König gegrüßt wird, der Schreiber den Gruß nicht erwidern muss. Wenn der Schreiber jedoch zwei oder drei Namen Gottes schreibt, darf er eine Pause machen und den königlichen Gruß erwidern.

Jetzt – beim Schreiben – kommt mir der Gedanke, dass mit dieser Auslegung vielleicht möglichem Hochmut des Schreibers Grenzen gesetzt sind: Auch ein König ist ein Mensch und verdient Respekt, wenn auch erst an zweiter Stelle hinter dem Ewigen, geheiligt werde Sein Name!

Ich hätte diese Frage auch deshalb gerne gestellt, weil Ministerpräsident Ramelow im Pavillon des Sofers (des Toraschreibers) saß und gewiss mit einem Lachen seine Kleinheit vor dem ewigen Gott eingestanden hätte.

Wie Wolken ziehen... Die Pilgergruppe unterwegs.

Warum nach Kevelaer gehen?

Den Namen Gottes hochhalten, das war auch die DNA der Maria aus Nazareth. Jesus hatte das Glück, in eine Familie und eine Sozialgemeinschaft hineingeboren zu werden, die das „Vertrauen auf Gottes bleibende Nähe über alles Unglück und alle Gewalt hinweg“ behalten hat … „anders als viele Menschen in ihrem weiteren Umfeld“. (Jonathan Burger in „Virgin Mary Superstar“ vom 1.1.2018 in y-nachten.de)

Von Maria lernen

Von Maria lernen, das ist der Sinn der Fußwallfahrt nach Kevelaer. Beim Einzug in Kevelaer wird dem „Heilige Maria, Mutter Gottes, bitte für uns Sünder, jetzt und in der Stunde unseres Todes“ das Sätzchen „Maria, zu dir kommen wir – um deine Hilfe bitten wir“ angefügt. Jonathan Burger sagt: „Sünde bedeutet, dem Gott, der jedem Menschen eine über alle Krisen und Schwierigkeiten hinweg unzerstörbare Zusage für dessen Leben gegeben hat, bewusst nicht mehr vertrauen zu wollen, ihn – in voller Verantwortlichkeit – aufzugeben.“

Von Maria lernen, bedeutet nach Jonathan Burger dieses Vertrauen nicht aufzugeben. … Wenn das nicht ein Grund ist, zu Fuß nach Kevelaer zu gehen!

Und wie feierlich kommt dem ehemaligen Kevelaerer der Einzug in die Stadt vor! Er muss ein bisschen weinen. Einige Kevelaerer stehen Spalier und freuen sich sichtlich: endlich wieder eine Fußwallfahrt! Ein Kevelaerer Brudermeister ist unter den Spalierstehern und grüßt den ehemaligen Kevelaerer etwas unsicher … es ist ja alles so lange her.

Der Hüter der Wallfahrt nach Kevelaer zur Trösterin der Betrübten ist glücklich, dass die Kölner den Weg nach Kevelaer gefunden haben.

Die Wallfahrer brauchen Maria…, aber der Hüter der Wallfahrt braucht auch die Wallfahrer, die seinen Glauben befeuern.

Wird fortgesetzt. / Hier können Sie Teil I nachlesen.

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