Rosemarie Reul | In absolutem Vertrauen

Vor 20 Jahren starb Rosemarie Reul, über Jahrzehnte Buchhändlerin in Kevelaer.

Ihr Leben begann an der Basilikastraße 3 als zehntes und letztes Kind von Margarethe und Heinrich Schröer, der ab 1909 im Erdgeschoss von Röschens Geburtshaus eine Buchhandlung betrieb. Schon als Kleinkind „war ich immer an Vaters Seite“, erzählte sie einmal.

Die ältesten sinnlichen Wahrnehmungen, an die sie sich erinnerte, kreisten um „die Welt der Bücher“: Das Duftgemisch von Bücherpapier und Bienenwachs, in Gerüchen nistende Geborgenheit.

Die Bücher zogen sie in eine eigene Welt. Der 27. September 1944 war ein Mittwoch: Kevelaer wurde angegriffen, Bomben beschädigten das Klarissenkloster und rissen Trichter zwischen Römerstraße und Biegstraße. Margarethe Schröer rief angstvoll nach ihrer Tochter: „Röschen, wo bist du?“

Röschen meldete sich nicht. Die Mutter fand sie in ihrem Zimmer, in ein Buch vertieft, fern ab des Kriegs der Welten. Doch sie war kein Kind, das sich in Fantasien flüchtete. Sie liebte die Wirklichkeit, Menschen und ihre Biografien, auch die der Kunden. „Der Mensch war das Wesentliche.“

Rosemarie Schröer
Röschen Schröer.

Die Mutter legte Wert darauf, dass das Mädchen einen Abschluss machte. Rosemarie lernte in Köln in einer angesehenen Buchhandlung, die jedoch dreimal von Bomben zerstört wurde. So kehrte sie nach Hause in den Laden ihres Vaters zurück und erlebte andere Zerstörungen: Heinrich Schröer wurde von den Nazis geschnitten, weil er ihre Gesinnung nicht teilte. Schulen durften nicht bei ihm bestellen; viele Kevelaerer trauten sich nicht mehr ins Geschäft.

Im Januar 1945 wurde Kevelaer evakuiert. Männer zwangen Rosemarie Schröer und Rita Linssen auf einen Transport in eine Kaserne bei Hamburg und später nach Göttingen, wo sie Telefonverbindungen herstellen mussten. Kurz vor Ostern 1945 sagte Rosemarie zu Rita: „Wir brauchen einen Ort, wo wir feiern können.“ Sie gingen in einen Wald, jede nahm einen Weißdornzweig zur Hand, eine Kerze und einen Schott. So standen sie unter den Bäumen und besangen die Auferstehung.

Wenige Tage später wurde das Lager aufgelöst. Ihre Dienststelle sollte nach Ulm verlegt werden. In einem Holzvergaser machten sie sich auf den Weg. In Ulm kamen sie nie an. Die Soldaten erkannten, dass nichts mehr zu gewinnen war. Sie setzten Rosemarie und Rita irgendwo auf der Straße ab.

Die beiden schlichen sich in Güterzüge – immer in Angst vor den Schrecken, der anderen Frauen widerfahren war. Auf abenteuerlichen Wegen kamen sie ins zerstörte Köln, „überall nur Trümmer, und mitten darin stießen wir auf eine Fronleichnamsprozession.“ Nie wieder hat ein Menschenzug sie so beeindruckt. Sie kamen nach Krefeld und sahen plötzlich den Kevelaerer Bauunternehmer Gerd Tebartz. Er brachte sie am Abend in seinem Wagen nach Hause.

Tebartz setzte sie bei Allofs ab, Kaplan Erich Bensch kam heran, lief gleich zu Rosemaries Eltern und rief: „Ich habe Röschen gesehen. Sie ist hier.“ Doch Rosemarie und Rita nahmen einen anderen Weg; davon wird noch die Rede sein. Als sie später in die Basilikastraße 3 kamen, stand auf dem Tisch ein Feldblumenstrauß. Mutter Margarethe hatte ihn am Abend zuvor gepflückt und zu einer Bekannten gesagt: „Die sind für Röschen. Sie kommt bald zurück.“ Jahrzehnte später sagte Rosemarie über diese Vorahnung: „Was war das für eine Beziehung der Herzen!“

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Rosemarie Reul auf dem Friedhof.

Nach dem Krieg, 1947, ging sie erneut nach Köln, diesmal in die Buchhändlerschule. 1951 starb ihr Vater, wenige Wochen später die Mutter. Sie fühlte sich einsam wie nie. Doch im selben Jahr begegnete sie Heribert Reul, dem Maler, in ihrer Buchhandlung. Bald schmiedeten sie Hochzeitspläne, auch Wilhelm Polders schmiedete: Eheringe aus einer Schröer‘schen Goldmünze. 1953 steckten die beiden sich in der Basilika die Ringe an. Fast 50 Jahre lang lebten sie „in dem Bewusstsein absoluter Treue und von Liebe getragen“, sagte Rosemarie Reul. Lange Zeit war sie diejenige, die ihren kranken Mann pflegte, später war es der 90-Jährige, der seine Frau umsorgte.

„Mein Leben war so bunt“, sagte Rosemarie Reul. Elf Jungen und ein Mädchen brachte sie zur Welt. Sie war Mutter, blieb Buchhändlerin und sah in dieser „Doppelbelastung“ den Grund für ihre Zufriedenheit. Das Wichtigste, was sie und ihr Mann für ihre Kinder tun konnten: „Wir haben sie aus vollem Herzen bejaht und nicht versucht, ihnen eine bestimmte Richtung vorzugeben. Wir haben sie ermuntert, ihre Möglichkeiten wahrzunehmen und ihnen zu trauen.“

Einmal, erzählte Rosemarie Reul, wurde sie von einem Fremden gefragt, wie sie ihre Kinder erzogen hätte. „Überhaupt nicht!“ Der Mann staunte. Und Rosemarie Reul erzählte: „Wir haben einfach unser Leben gelebt, und wir haben uns geliebt.“

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Sie blieb immer Buchhändlerin.

1967 wohnten die Reuls immer noch im kircheneigenen Haus an der Basilikastraße 3, unten die Buchhandlung, darüber die Wohnung. Heribert Reul wollte das Haus kaufen. Josef Leenders setzte sich dafür ein, dass es an die Reuls überschrieben würde. Doch Dechant Johannes Oomen verwarf die Pläne „mit der christlichen Begründung, man könne aus dem Grundstück [mit anderen Investoren] ungleich mehr Gewinn erzielen.“ Heribert Reul sagte Oomen wie versteinert: „Dann sind die Werte, die ich noch als Werte empfinde, für Sie keine Werte mehr.“

Die Familie war erschüttert. Rosemarie: „Ich habe nur noch geweint. Das war so grausam.“ Das Gebäude, fast 60 Jahre Heimat der Familie Schröer-Reul, wurde abgerissen und wich einem Parkplatz. Mit dem Bagger verloren sie ihre räumliche Unabhängigkeit: Zwar hatte Rosemarie Reul bis dahin Vollzeit in der Buchhandlung gearbeitet, aber sie war den Kindern im selben Haus nah gewesen. Jetzt brauchten sie zwei Bleiben, eine für die Familie und eine für die Buchhandlung. Sie fanden sie wiederum an der Basilikastraße.

Rosemarie Reuls Distanz zur Kirche wuchs, dabei fühlte sie sich im Glauben an Jesus Christus stark. „Ich sehe die Kirche sehr kritisch. Und das ist gut so. Daran bin ich gewachsen. Ich habe gelernt, das Wesentliche vom Unwesentlichen zu trennen.“ So war sie dankbar für ihre Erlebnisse: „Wenn ich meine bitteren Erfahrungen mit der Kirche, die oft um Macht und Geld kreisten, nicht gemacht hätte, wüsste ich heute nicht zu trennen.“

Einmal protestierte sie in ihrem Schaufenster mit einer Spruchkarte gegen das Opus Dei. Zwei Geistliche kamen herein und beschimpften sie auf gefährlich üble Art. Am Ende fragte sie die zwei, die sich wie Großinquisitoren einer furchtbaren Zeit aufführten: „Warum haben Sie solche Angst? Ein Mensch, der glaubt, braucht keine Angst zu haben. Sie aber haben Angst.“ Die Männer drohten mit wirtschaftlichem Druck. Rosemarie Reul fühlte sich an ihren Vater und die Nazis erinnert. Sie wollten schon dafür sorgen, dass kein Mitbruder mehr bei ihr kaufen würde. Einige Bischöfe indes, und nicht nur sie, besuchten die Buchhandlung immer wieder.

Andere „Störenfriede“ begleitete sie sanft und klug vor die Tür. Sie mochte das Leitwort ihrer Mutter: „Tue recht und scheue niemanden.“ Ihre Wahrheiten verpackte sie in Liebe. „Nur dann kann der andere daran wachsen.“

Ihr Gefährte Heribert Reul.

Gern verschenkte sie aus einem großen Kasten Spruchkarten; manchen Kunden bat sie, sich selbst zu bedienen. Dann stand er hinter der Theke, hielt im Alltag inne und tauchte ein in andere Gedanken.

Eine Kundin wollte ein bezahltes Buch einstecken, Rosemarie Reul nahm es noch einmal an sich: „Sie gestatten? Ein Buch muss zugänglich sein.“ Schon hatte sie den verschweißten Schutzumschlag entfernt. Eine andere Frau bat sie darum, ein Buch hübsch einzupacken. „Ich schlage das Buch in Geschenkpapier ein, ohne es zuzukleben“, sagte Rosemarie Reul: „Vielleicht möchten Sie noch einen Gruß hineinschreiben.“

Wer in den Laden kam, musste mit ungewöhnlichen Begrüßungen rechnen. Einer Frau sagte sie: „Sie sind traurig!“ Die Kundin begann sofort zu weinen, doppelt angerührt von der Achtsamkeit der Buchhändlerin und ihrer so schlicht dargebotenen Bereitschaft, die andere anzuhören. Ganz unbefangen breiteten Menschen vor Rosemarie Reul ihre Biografien aus. In Kevelaer nannten Freunde die Buchhandlung den „Beichtstuhl rechts neben der Basilika“.

1999 kam der Umbruch. Über 50 Jahre hatte sie gearbeitet. Da zog sie sich bei einem Sturz mehrere Wirbelbrüche zu. Sie hatte kaum Zeit, sich mit dem Ende ihres Buchhändlerinnendienstes anzufreunden. Es war einfach da. Sie nahm es wie andere Erlebnisse als Fügung.

Rosemarie Reul dachte wie so oft, es komme im Leben darauf an, sich von seinem Ich und seinem Wollen zu lösen. „Ich denke von mir weg auf andere hin; und ich darf mich selbst verlassen – auf Gott hin, dann werde ich geführt.“ So lebte sie mit ihrer Krankheit und ihren schweren Schmerzen in absolutem Vertrauen und ohne Angst vor dem Tod, denn „er gehört zum Leben“.

Immer versuchte sie, „genau hinzusehen, das eigene Ich zurückzunehmen und den Menschen gegenüber zu beachten; dann gibt uns die Situation schon auf, was der andere von uns braucht.“ Oft ist es Trost.

Wie damals, vor Jahrzehnten, als Rosemarie Schröer und Rita Linssen aus dem Krieg zurück ins befriedete Kevelaer kamen und Kaplan Erich Bensch zu Rosemaries Eltern gelaufen war.

Die Mädchen gingen nicht gleich nach Hause. Sie hatten ein anderes Ziel, eines, das sie seit Beginn ihrer Reise in sich getragen hatten. Während der ganzen Zeit hatten sie zwei Kerzenreste gehütet. Nun traten sie mit ihnen durch die Türflügel gegenüber dem Bild, zündeten mit zittrigen Fingern die Dochte an, und jetzt, allein, im schummrigen Licht, so hatten sie es sich wieder und wieder in Vorfreude ausgemalt, wollten sie lauthals singen. Psalm 8 über die Herrlichkeit des Schöpfers und die Würde des Menschen.

Sie brachten keinen Ton heraus.

Überwältigt von den Bildern des grauenhaften Kriegs, der hinter ihnen lag, und in dem Gefühl, davon gekommen zu sein, weinten sie fassungslos und erschüttert. Sie waren zu Hause angekommen bei der Trösterin der Betrübten.

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Was für eine Zusage: "Seien Sie sicher, dass für mein Herz alle Entfernung und Trennung keine Rolle spielt."

Ein ganzes Menschenleben weiter…

…  erzählt mir Rosemarie Reul ihre Lebensgeschichte. Sie lag im Bett, schwer krank, sehr steif, von einer durchscheinenden Blässe, aber mit roten Wangen. Nur Augen, Arme und Hände waren in Bewegung. Sie untermalten ihre Sätze wie sprachliche Bilder in ihren geliebten Büchern.

Das ganze Krankenzimmer war voll von Büchern. Es roch wie in ihren frühesten Erinnerungen. Nach Papier und Honigwachskerzen. Jetzt, da sie als letzte Episode in unserem vielstündigen Gespräch von ihrer Rückkehr zur Gnadenkapelle in ihre innere Heimat erzählte.

Längst hatte sie die tieferen Gänge der Gnadenkapelle, dort wo Trost geboren und verschenkt wird, im Herzen – sie war reich in ihrem gelebten Glauben, der nicht an Steinen, Fassaden und äußerem Putz hing.

Anfang Januar 2002, wenige Tage nach Erscheinen des Artikels „In absolutem Vertrauen“, schrieb uns eine Kevelaererin: „Ich bin dankbar, dass es noch Menschen wie Frau Reul gibt, denn sie bringen Licht und Hoffnung in unsere oft so trostlose Welt. Morgen wird symbolhaft an der Gnadenkapelle ein Licht für diesen wunderbaren Menschen brennen.“

Im Januar 2002, im Monat nach dem Gespräch, das diesem Porträt zugrunde liegt, starb Rosemarie Reul. Weihbischof Heinrich Janssen (†), der für sie das Beerdigungsamt feierte, sagte in seiner Predigt: „Kevelaer hat in den letzten Jahrzehnten einige Menschen gehabt, die von einem großen und tiefen Glauben geprägt waren. Sie gehört dazu. Diese Menschen machen Kevelaer unverwechselbar.“

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Grabstätte von Rosemarie und Heribert Reul auf dem Kevelaerer Friedhof.

Fotos (5): Privatarchiv Bernward Reul, Foto (1): Blattus-Archiv

1 Kommentar zu „Rosemarie Reul | In absolutem Vertrauen“

  1. Ludger Schmitz

    Als Jugendlicher war ich manchmal in Rosemarie Reuls Buchhandlung. Ich stöberte, fühlte mich wohl. Und ich erinnere mich natürlich an den großen Kasten mit den Spruchkarten neben Stapeln von Büchern. Mal durfte ich selber wählen, mal drückte mir Frau Reul eine Karte in die Hand. Viel später, als Lehrer in einer Düsseldorfer Grundschule, ließ ich diesen guten Brauch aufleben. Immer Anfang Februar kaufte ich in den Kaufhäusern Postkartenkalender, die jetzt zu Spottpreisen verschleudert wurden. Mit meiner Schneidemaschine schnitt ich die Karten – meist schöne Fotografien von Tieren – und sortierte sie wie Frau Reul in einen Kasten. Zu allen möglichen Anlässen ließ ich meine Schüler dann eine Karte aussuchen oder verschenkte – wie Frau Reul – selber. Ich habe viele Kinder damit froh gemacht.
    Ach, hätte Dechant Oomen doch öfter bei Rosemarie Reul eingekauft, vielleicht wäre er mit Spruchkarten beschenkt worden, die ihm den richtigen Weg gewiesen hätten: „Gebt, dann wird auch euch gegeben werden!“ Lukas, 38. … oder …“Verachte nicht eine weise und gute Frau, denn ihre Liebenswürdigkeit ist mehr wert als Gold! Jesus Sirach, 8.19. … oder … „Humanität besteht darin, dass niemals ein Mensch einem Zweck geopfert wird.“ Albert Schweitzer

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