Blattgeflüster | Freiheit für Sr. Magdalena

Vor kurzem besuchten vier Freunde Schwester M. Magdalena in Dresden. Sie war viele Jahre Oberin des kleinen Elisabeth-Konvents in Aurich gewesen, bis der Orden sie 2018 nach Sachsen in ein Altenheim beorderte. Magdalena und ihre beiden Mitschwestern, alle um die 80 Jahre, seien kaum noch in der Lage, sich zu versorgen, hieß es.

Monate vor ihrem Wechsel von Aurich nach Dresden war Sr. Magdalena noch mit ihrem alten Polo über Land zu Bedürftigen aller Art gefahren. Seit ihrem Umzug ist sie kaum aus dem Haus und zunehmend selten aus dem Bett gekommen. Denn gleich zu Beginn ihrer Dresdner Zeit hatte sie sich einen Oberschenkelhalsknochen gebrochen. Sie kommt nicht mehr auf die Beine.

14 Tage vor unserem Reise fing sie sich eine Lungenentzündung ein. Isburga, Klaus, Horst und ich wussten nicht, ob die Leitende Schwester uns einen Besuch gestatten würde. Sie war ausgesprochen skeptisch und machte schon Tage vor unserer Abfahrt keinen Hehl daraus.

Wir fuhren trotzdem. Und ließen nicht locker. An unserem dritten Tag in Dresden sahen wir Magdalena endlich wieder. Isburga und ich – wir  setzten uns zu ihr ans Bett. Sr. Magdalena wirkte noch erschöpft, manchmal ein bisschen abwesend und vor allem hocherfreut. Unser „Moin“ quittierte sie sofort.

Isburga zeigte Sr. Magdalena die Aufnahme einer Chorprobe. Fotos (2): Delia Evers

Nach einer halben Stunde mussten wir gehen. So hatte es die Leitende Schwester verfügt. Eine Mitarbeiterin auf der Station sah die Sache anders: Besuch sei die beste Therapie, die Sr. Magdalena jetzt bekommen könne – selbst wenn er Stunden dauere.

Das war ganz unser Eindruck. Am nächsten Tag klopften Horst und ich bei Sr. Magdalena an die Tür. Jetzt war sie fast die „Alte“, munter, voller Erinnerungen und Geschichten. Ich  hatte ihr ein Gläschen selbst gemachte Ringelblumensalbe mitgebracht. Sie freute sich riesig, schwenkte sofort in ihre Jugendzeit um, als sie zur Drogistin ausgebildet worden war und ebenfalls aus allerlei Kräutern Salbe hergestellt hatte.

Sie erzählte und erzählte. Die gewährte halbe Stunde war längst vorüber. Wir glaubten an die „beste Therapie“ und blieben einfach sitzen.

Sr. Magdalena wurde persönlich. Sie besah ihre eigene Situation. Ihre Bettlägerigkeit, ihr häufiges Alleinsein im schönen, großen Zimmer – und ihre eigene „Schwäche“, etwas für sich zu erbitten. Öfter mal im Rollstuhl aus dem Haus oder überhaupt aus dem Bett zu kommen, wäre schön, meinte sie, und dann: Aber überall auf der Station sei so viel zu tun, da wolle sie um nichts fragen. Andere hätten Hilfe nötiger.

Wunderschönes Dresden mit Kuppel der Frauenkirche. Im Gotteshaus erlebten wir ein beeindruckendes Konzert.

Ich erinnerte mich an einen vorangegangenen Besuch bei Sr. Magdalena. Horst und ich waren vor Beginn der Pandemie bei ihr gewesen.

Ich hatte sie gefragt: „Wie ist es für dich, Magdalena? Du hast deine Ordensgelübde immer mit viel Freiheit verbinden können. Und jetzt?“

Sr. Magdalena schaute uns direkt ins Gesicht. Sie begann mit ihrer Altstimme leise eine Rockballade von Marius Müller-Westernhagen zu singen. Er hatte sie 1987 in Westdeutschland auf den Markt gebracht, während in Ostdeutschland der einzige ostdeutsche Katholikentag lief, der aus politischen Gründen Katholikentreffen genannt werden musste.

Und jetzt beantwortete Magdalena unsere Frage mit diesem Lied aus dem Jahr 1987. Sie sang: „Freiheit…“

Auch wer im Bett liegt, kann innerlich frei sein – mitunter sogar freier als mancher Mensch, der mit beiden Beinen im Leben steht, sagt

herzlich eure

Blattflüsterin

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