Carl Osterwald | „So beginnt meine Geschichte“

Am 2. Juli 1927 kam im ostfriesischen Münkeboe Carl Osterwald zur Welt. An jenem Samstag begann ein langer Lebensweg, der fortdauert und noch immer kräftige Impulse setzt und erhält. 2021 brachte der Pastor im Ruhestand ein Buch heraus. Längst arbeitet er an einem weiteren Werk. Mit 94 Jahren.

Carl Osterwald erzählt von seinem ersten Lebenstag. Am Spätnachmittag betrat sein Vater Albert das Wohnzimmer seiner Lehrerwohnung in Münkeboe. Dort warteten seine Eltern Carl und Anna; und Albert verkündete stolz: „Er ist da“. Alberts Vater fragte: „Und wie soll er heißen?“ „Carl“, sagte Carls Vater.

„Er ist da“, wiederholt Carl Osterwald nun: „So beginnt meine Geschichte.“

Carl Osterwald hält bis heute fest, dass er sich nichts habe aussuchen können, nicht Ort, nicht Zeit und nicht die Lebensumstände, in die seine Mutter Reena ihn nach neun Monaten „guter Hoffnung“ hineingebar.

Er verbringt seine Kindheit in Moordorf. Die Familie wohnt nach der Zeit in Münkeboe auch dort im Obergeschoss der Schule. Unten arbeitet der Vater; und unten „arbeitet“ Carl seine ersten Schuljahre ab. Als Lehrersohn ist er gegenüber den Kindern aus den armen Torfarbeiterfamilien privilegiert.  Dann darf er auch noch als einziger von 68 Schülern aufs Gymnasium wechseln, „obwohl mindestens ein Drittel dieselben Fähigkeiten hatte wie ich“, sagt er. Als Kind spürt er die Ungerechtigkeit.

Carl Osterwald im April 2022 im Podcast-Gespräch.

Der Junge hinterfragt nicht, dass er mit Härte und Gehorsamspflicht erzogen wird. Für den Heranwachsenden bleiben sie normal. Er kennt nichts anderes, läuft mit und tut, was alle tun, weil „man“ es tut. Er übernimmt Bilder und Überzeugungen, die ihm vorgegeben werden. Als der Zweite Weltkrieg ausbricht, ist er zwölf. Heute sagt er: „Ganz selbstverständlich richteten wir uns nach den üblichen Normen und Werten, mochten im Allgemeinen nicht aus der Rolle fallen und fügten uns in die Muster, die unsere Kultur uns eingegeben hatte.“

Er sagt ohne Selbstschonung: „Ich habe mich gewissermaßen freiwillig anderen unterworfen.“ Und weiter: „ Man hat uns beigebracht, mit gutem Gewissen Böses zu tun.“

Er fühlt sich zugehörig und sieht keinen Widerspruch zu seinem Christsein. Er hat längst aufgehört, selbst zu denken, vor allem kritisch zu denken und Fragen zu stellen. Er wird erst viele Jahre später auf einen Satz von Hamed Abdel-Samat stoßen, der sich gerade an Menschen wendet, die das Fragen aufgegeben haben – obwohl es manchmal so sei, „dass im Fragen der Schlüssel zur Erlösung liegt, während in manchen Antworten der Schlüssel für das Gefängnis mitgeliefert wird.“

Carl Osterwald sagt, die eigene Existenz sei im Nationalsozialismus unhinterfragbar vorbestimmt gewesen: „Ja, wir waren des Fragens enthoben, weil wir durch die Tugend des Gehorsams gebunden waren.“ Und weiter: „Auch fehlte ein Bedürfnis nach einem Blick nach außen oder von außen, denn bei uns war ja alles gut.“

Das mögen im Jahr 2022, in Putins Angriffskrieg in der Ukraine, auch Millionen Russen denken: „Bei uns ist ja alles gut.“ Die Bösen sind immer die anderen.

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Carl Osterwald als Ausländerbeauftragter in den 1990er-Jahren.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs wird Vater Albert eingezogen. Er sieht seine Familie in den folgenden neun Jahren selten und dann gar nicht mehr: Nach dem Fronteinsatz ist er in Gefangenschaft. Carl packt zu Hause an, wo er kann, und hilft seiner Mutter im kinderreichen Haushalt. „Wir lernten, einander zu helfen, beizustehen, auf einander einzugehen, zu verzichten und zu warten, Rücksicht zu nehmen, zu teilen und mitzufühlen, kurz: den ganzen Reichtum eines zuverlässigen Für- und Miteinanders“.

Er fühlt den moralischen Zwiespalt zwischen Mitgefühl und Härte und bekommt ihn nicht geschlossen, weil er sich nicht schließen lässt. Seine Reifeprüfung kann er nicht ablegen: Im letzten Kriegsjahr 1945 wirft das NS-Regime den 17-Jährigen an die Front. Noch immer folgt er den Befehlen von oben und macht sich keine Gedanken darüber, ob richtig oder falsch ist, was er tut. Er schießt mit einer Maschinenpistole auf Menschen. Ein Schuss aus seiner Waffe, abgefeuert in den letzten Kriegstagen, wird er nie mehr vergessen: Er tötet aus der Nähe einen russischen Soldaten.

Kurz darauf endet der Krieg. Carl Osterwald gerät für kurze Zeit in kanadische Kriegsgefangenschaft, wird interniert, ist aber an seinem 18. Geburtstag zu Hause.

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Foto aus dem Wehrpass als Marine-Infanterist - Carl 1945 mit 17 Jahren.

Aus dem Frontsoldaten wird wieder ein Schüler, der in die 11. Klasse geht und Jahrzehnte später von sich sagen wird, dass er sich damals selbst verloren hatte. Längst sieht er, wie trügerisch, zerstörerisch und böse das Nazi-System war. Und er? Carl Osterwald will wissen: „Wer war ich, als ich den Russen erschoss?“

Der Schulunterricht bleibt ihm fremd. Carl steckt voller Lebensfragen und soll mathematische Formeln und unregelmäßige Vokabeln pauken. Doch die haben nicht das Mindeste mit seinen Fragen und seiner Verunsicherung zu schaffen. Irgendwie kommt er durch die Zeit und erhält im Februar 1947 sein Reifezeugnis. Das Arbeitsamt vermittelt ihn im Emder Hafen als Schauermann auf ausländischen Schiffen. Er soll beim Laden und Entladen anpacken, bricht ab und kommt bei einem Marschbauern unter. „Ich konnte mich satt essen und meine Mutter und meine drei jüngeren Schwestern Marianne, Almuth und Christa mit Nahrung versorgen.“ Zwischendurch sticht er Torf.

Carl Osterwald als junger Torfstecher mit seinem Freund Herbert Schnoor. Sie kannten sich seit dem zweiten Lebensjahr, wohnten in Moordorf als Lehrersöhne im selben Haus über den Schulräumlichkeiten und verloren sich ihr Leben lang nicht aus den Augen. Herbert Schnoor, in den 1980er-Jahren Innenminister und stellvertretender Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, setzte sich wie sein Freund für Flüchtlinge ein, Herbert Schnoor besonders für Jesiden. Der Politiker starb am 20. Juni 2021 mit 94 Jahren.

Die Fragen bleiben. Er will studieren. Nach der Währungsreform 1948 hat er die Chance. Arzt werden, ist sein Ziel, doch die Noten sind nicht gut genug. Wie drei seiner Mitschüler aus seiner Abi-Klasse schreibt er sich zum Wintersemester 1948/1949 für Theologie ein. Er will die ‚Wahrheit‘ kennen lernen und seiner eigenen Existenz auf die Spur kommen. Er hofft, dass sein Berufsziel dabei hilft: evangelischer Pastor.

Doch am liebsten sitzt er in Philosophie-Vorlesungen. Er freut sich an guten Freunden, die fragen und suchen wie er. Nächtelang sitzen sie zusammen, trinken Tee, lesen die Werke von Philosophen, diskutieren und erarbeiten sich eine ethische Grundhaltung. Sie bleiben auf der Hut. Sie wollen sich nicht zu sehr festlegen. Das Festlegen und seine Folgen kennen sie aus der NS-Zeit.

Carl Osterwald möchte es mit dem Kritiker und Denker Jean-Jacques Rousseau halten: Er hat „ein tiefsitzendes Misstrauen Behauptungen gegenüber, die mich festlegen und einmauern, mir die Freiheit nehmen, nicht tun zu müssen, was ich nicht tun will“.

Er lernt Gertrud Kluge kennen und lieben. Sie heiraten 1954. Gertrud bringt über die Jahre die vier Kinder Hilke, Edzard, Heye und Reena zur Welt (bis heute hat sich die Familie um neun Enkelkinder und acht Urenkelkinder erweitert. Sohn Edzard verunglückte 1999 tödlich in Kapstadt und ist dort auf dem Gelände einer Farm beerdigt).

Carl Osterwald studiert in Mainz, Tübingen und Göttingen. Bald hat er sein erstes Examen in der Hand. Er bekommt eine Vikariatsstelle in der Seemannsmission in Bremen und betreut Seeleute im Seemannsheim und im Hafen.  

Nach dem Zweiten Examen beginnt er 1956 als Pastor in Marienhafe, wechselt ein Jahr später nach Arle und bleibt sechseinhalb Jahre bis 1964, ehe er und seine Familie sich auf ein Abenteuer einlassen: eine Pastorenstelle im südafrikanischen Kapstadt.

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1962 als junger Landpastor in Arle.
Das letzte Familienfoto vor der Abreise nach Kapstadt: auf dem Schoß des Vaters Heye, daneben Edzard, Mutter Gertrud, Reena und Hilke.

Sie ziehen mitten hinein in den Unrechtsstaat der Apartheit: Hier ist sie wieder, die rassistische Einteilung von Menschen in Bürger erster und allerletzter Klasse.

Längst ist er streitbar geworden, setzt sich gegen Unrecht ein, versucht immer wieder zu vermitteln, dass alle Menschen mit gleicher Würde Menschen sind, und scheitert teils an der eigenen Kirche. 1973, nach neun Jahren, hat er sich aufgerieben. Er will zurück nach Deutschland und bekommt die Stelle des Generalsekretärs in der Seemannsmission. Wieder ist er für benachteiligte Menschen da. Sie sind zwar auf den Weltmeeren zu Hause, haben aber dort keine Heimat.

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Carl Osterwald als Generalsekretär der Seemannsmission.
Als Generalsekretär kommt Carl Osterwald in der "halben Welt" herum. In New York wird er am 16. Oktober 1978 während einer Welt-Konferenz Nachfolger des Niederländers Jacob Leij (l.) als Vorsitzender des ICMA, des Weltverbandes der Seemannsmissionen.

1984 wechselt er ein letztes Mal. Diesmal zurück nach Ostfriesland. Er wird Pastor im überschaubaren Wiegboldsbur/Forlitz-Blaukirchen und geht 1989 in Pension.

Doch er ist mit seiner Arbeit nicht fertig. Zwei Jahre nach seinem Berufsende beginnt der Balkankrieg. Weitere territoriale Kriege schließen sich an, darunter der Bosnienkrieg und der Kosovokrieg. Weit mehr als 100.000 Menschen sterben, ungezählte fliehen. Viele kommen im Landkreis Aurich unter. Carl Osterwald ist über Jahre ebenso für sie da wie für syrische Flüchtlinge.  Der Landkreis ernennt ihn zum Ausländerbeauftragten. Der emeritierte Pastor hilft ehrenamtlich.

Ehrenamtlich unterstützt er zudem den Verein Gedenkstätte KZ Engerhafe. Mit anderen arbeitet er die Satzung aus und übernimmt bei der Gründung 2009 den Vorsitz. Die Gedenkstätte ist den Häftlingen gewidmet, die dort gequält  und umgekommen sind. So bleibt Carl Osterwald seinem großen Lebensthema treu: Allen Menschen, gerade den Entrechteten und Geschundenen, kommt die gleiche Würde zu. Das will er weitergeben.

Osterwald sagt, dass der Schuss, den er 1945 auf einen russischen Soldaten abfeuerte, seinen Charakter geprägt hat. Wie er sich bis heute mit dieser Schuld fühlt, davon erzählt er im Podcast „Trauerkraftwerk“ sehr persönlich. Weil er die Schuld, die er empfindet, nicht abgetragen bekommt, setzt er dieser Schuld am Tod den Einsatz für das Leben entgegen.

Pastor in Ruhe Carl Osterwald (2.v.r.), links die Geistlichen Jörg Schmid und Johannes Ehrenbrink, rechts Tido Janssen - bei einem sehr besonderen Gottesdienst zum Volkstrauertag 2017. Damals bekannte Carl Osterwald, einen russischen Soldaten erschossen zu haben.

Seine Sinnsuche ohne Selbstschonung stellt er mit vorsichtigen bis vorläufigen Antworten in seinem Buch „Von des Daseins Offenheit“ vor.

Oft sitzt er in seinem kleinen Arbeitszimmer unterm Dach des Hauses in Münkeboe, in dem er zusammen mit seiner Frau Gertrud lebt. Hier ist er umgeben von Büchern und Bildern, darunter Fotos seiner Freunde, die ihn teils von jüngster Kindheit an bis zu ihrem Tod begleitet haben. Auf dem Schreibtisch steht ein Computer. Carl Osterwald schreibt an einem neuen Buch. Er überarbeitet „alte“ Predigten und Texte und stellt sie zu einem Lesebuch zusammen.

Eine Bekannte hat ihn darauf gebracht. Sie hatte vor Jahr und Tag eine alte Predigt aus seinem großen Fundus erbeten. Carl Osterwald lächelt. „Es waren wohl ein paar gute dabei.“

Carl Osterwald nach dem Podcast-Gespräch.

Das Gespräch mit Carl Osterwald im Trauerkraftwerk

können Sie über den Player auf dieser Webseite oder über Spotify empfangen.

Fotos: 7 Privatarchiv Carl Osterwald, 4 Delia Evers

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