Tauerkraftwerk. Trauer und Kraft – passt das zusammen? Nach meiner Erfahrung: Ja! Denn Trauer bedeutet nicht nur Verlust, sie kann auch der Beginn für etwas kraftvolles Neues, für einen veränderten, vielleicht für einen bewussteren Lebensweg sein.
Für mich ist Trauer eine Lebensaufgabe, der sich Menschen oft viel zu lange entziehen. Viele möchten sich lieber nicht damit beschäftigen. Wenn der Trauerfall dann eintritt, sind sie nicht gefasst auf das, was kommt, weder im eigenen Trauern noch in der Begleitung trauernder Menschen. Dabei ist es nie zu früh, sich auf Sterben, Tod und Trauer einzulassen. Denn sie verschwinden nicht aus unserem Leben.
Auf unsere angestammte Trauer-Kultur sollten wir auch nicht zählen; sie zerbröckelt ohnehin seit Jahren und ist im Alltag kaum hilfreich. Sie beschränkt sich eher darauf, Trauernde baldmöglich über ihren Zustand hinweg trösten zu wollen, damit sie wieder in ihren Alltag einscheren und zur Tagesordnung übergehen können.
Doch dann bleibt der Verlust, der verkraftet werden muss. Er kostet also Kraft, aber er setzt keine Kraft frei.
Dabei liegt im Verlust eine große Chance.
Sind Tod und Trauer dann am Ende gar nicht so schlimm?
Tod und Trauer sind Zumutungen. Jeder Verlust bedeutet Schmerz. Ihn kleinzureden hieße: Trauernde und ihre Gefühle nicht ernst zu nehmen.
Viel zu oft haben Menschen während meiner tiefsten Trauer um meinen verstorbenen Mann versucht, meine Stimmung mit Argumenten aufzuhellen. Martin sei im Himmel oder wo auch immer viel besser dran. Ich solle mich doch lieber für ihn freuen. Denn der Tod habe ihn ja regelrecht von seiner schlimmen Krankheit erlöst.
Oder es kam der Satz: „Warte ab, die Zeit heilt alle Wunden.“
Nein, die Zeit heilt gar nichts.
Oder es hieß: „Hab Geduld, nach einer dunklen Nacht folgt immer ein heller Tag.“
Trauernde leben wie Verliebte oft ganz im Hier und Jetzt. Sie können und wollen ihre Gefühle nicht ausblenden oder ihre Trauer überspringen, indem sie an ein helleres Morgen denken.
Wenn es dunkel ist, ist es dunkel. Das Helle ist in diesen Momenten außerhalb jeder Reichweite, undenkbar, unfühlbar.
Viele Trauernde haben ihren ganz eigenen Rhythmus und ihre ganz eigene Wahrnehmung. Wer einen solchen Menschen begleiten möchte, tut gut daran, diesen Rhythmus und diese Wahrnehmung zu erspüren und sich darauf einzulassen, sonst wird der Trauernde in Gegenwart des Begleiters einsam.
Zum Rhythmus gehört auch, dass Trauernde nicht 24 Stunden am Tag mit verheultem Gesicht in einer Ecke kauern. Sie können zwischendurch lachen, Kontakte pflegen, sich neue Kleidung kaufen oder einen verrückten Ausflug machen. Aber das verändert ihre Trauer nicht oder nur wenig. Daher mündet Lachen von Trauernden mitunter in Weinen:
Trauer ist Grundstimmung, die durch Ablenkung nicht wegzubringen ist. Deshalb hilft auch der folgende Satz nicht: „Geh doch mal unter Leute. Dann kommst du auf andere Gedanken.“ Vielleicht möchte der trauernde Mensch gar nicht auf andere Gedanken kommen. Vielleicht fürchtet er aufgesetzte Fröhlichkeit oder Sprüche, die seine Trauer wegtrösten sollen, zum Beispiel dieser: „Das Leben geht weiter. Du wirst schon sehen…“.
Trauer lässt sich nicht wegtrösten. Darum laufen so viele gut gemeinte und dennoch hilflose Sätze ins Leere. Trauer ist eine eigene Aufgabe, die vom trauernden Menschen selbst geleistet werden will. Sie ist nicht nur schwarz, und sie dauert nicht nur eine begrenzte Spanne Zeit, von wegen: „Ein Jahr! Dann muss aber auch mal gut sein.“ Trauer ist schwarz und bunt und begleitet Menschen eine unbestimmte Zeit, manchmal ein Leben lang.
Trauer hat so viele Facetten. Einige habe ich gerade gestreift.
♦ Die Lebensaufgabe Trauer.
♦ Unsere angestammte, oft erbärmliche Trauer-Kultur.
♦ Den Schmerz, der Trauer begleitet.
♦ Den eigenen Rhythmus und die eigene Wahrnehmung von Trauernden in Schwarz und in Bunt.
♦ Die Kraft, die aus Trauer wachsen kann.
Diese großen Themenfelder möchte ich in meinem Podcast aufgreifen. Jeder Beitrag beleuchtet eine Facette aus diesen Themenfeldern.
Ich spreche dabei über meine Erfahrung und über die Erfahrung vieler anderer Menschen, mit denen ich mich unterhalten habe. Ich lese aus den Tagebüchern, die Martin und ich parallel während seiner Sterbezeit geschrieben haben, führe Interviews mit Menschen, die einen Angehörigen oder einen Freund verloren haben oder die Profis in Trauerbegleitung sind.
Ich stelle Zeugnisse sterbender Menschen vor, denn auch sie trauern: über den bevorstehenden Verlust ihres Lebens und den Schmerz, den sie nach ihrem Tod in ihrer Familie zurücklassen werden.
Es geht also vor allem um persönliche Erfahrung. Denn es gibt nicht die Trauer und die Anteilnahme.
Daher ist dieser Podcast auch kein allgemeiner Ratgeber, der auf klare Fragestellungen klare Antworten gibt. Antworten aus einem Musterkatalog helfen nicht weiter. Der Podcast möchte ein Begleiter und Anreger sein, er möchte Trauernden Mut machen, ihren eigenen Weg der Trauer zu finden und zu gehen. Und er möchte Tröstenden Mut machen, die Trauernden auf deren Weg zu stärken und verlässlich an ihrer Seite zu bleiben.
Das geht immer wieder schief. Dann glauben Tröstende durchaus in liebevoller Absicht besser zu wissen als die Trauernden, wie die sich zu fühlen haben und welche Schritte sie gehen sollten. Manche nehmen sogar an, Trauer sei eine Art Krankheit, die man wegtherapieren könne:
„Geh doch mal zum Arzt, der kann dir bestimmt helfen.“
Oder sie sehen Trauer als einen Prozess, der in statischen Phasen abläuft: erst Schock, dann Ablehnung, Widerstand, Annahme und am Ende Weiterleben, irgendwie. Statische Phasen gab es bei Martin und bei mir nicht. Gleichwohl haben wir alle Zustände erlebt: Schock, Schmerz, Angst, Bitterkeit, Verzweiflung, Wut – und mittendrin im fortschreitenden Sterben Lebensfreude, Lachen, Humor, Hoffnung, viel Helles und die Liebe anderer Menschen.
Martin hatte seine Diagnose Lungenkrebs 2013 erhalten und im Juni 2014, eine Woche vor seinem Tod, das ganze Programm an Chemo-Therapien und Bestrahlungen längst hinter sich gebracht. Bis dahin erlebten wir die schrecklichste und die schönste Zeit unserer Liebe. Martin sprach sogar vom glücklichsten Jahr seines Lebens.
Das glücklichste Jahr? Martin hatte bis dahin immer mehr und immer schneller Abschied nehmen müssen. Er verlor am meisten von uns allen: Gesundheit, körperliche Kraft, Schmerzfreiheit und die Freiheit, tun und lassen zu können, was er mochte, das Autofahren, sein Malen, Musizieren und Schreiben und am Ende sein geliebtes Heim mitten zwischen ostfriesischen Feldern, seine Familie, seine Freunde, mich, sein Leben.
Trotzdem hatte er diesen Satz vom glücklichsten Jahr seines Lebens gesagt.
Mein Podcast erzählt auch davon, wie dieser Satz möglich wurde und wie diese schönste und zugleich schrecklichste Zeit gleich nach der Krebsdiagnose ihren Anfang nahm. In unseren Tagebüchern beschrieben wir das Sterben und unsere Trauer schon vor dem Tod. Wir schauten uns täglich an, was wir erlebten und nicht erlebten.
Und wir lernten:
Trauer ist vielfältig; sie ist Lebensunterricht.
Da Martin in meinen Podcast-Folgen immer wieder eine Rolle spielen wird, möchte ich ihn in diesem ersten Beitrag im Zeitraffer vorstellen. Ich nutze dazu Aufzeichnungen, die ich nach seinem Tod zusammengestellt habe.
Ich freue mich, wenn Sie mich in Gedanken auf dieser Reise in die Vergangenheit mit Martin begleiten.
♦ Einige Kerndaten zur besseren Orientierung vorab:
Martin und ich waren ab 1980 befreundete Journalisten-Kollegen in verschiedenen Redaktionen am Niederrhein gewesen. Er war verheiratet. Ich hatte ebenfalls über Jahre in einer festen Beziehung gelebt. 2002 verließ Martin plötzlich sein Zuhause und zog in das ostfriesische Großheide. Dort fanden wir auf neue Art zusammen und offenbarten 2004 unsere Liebe. 2008 zog ich zu Martin. Wir heirateten 2010. Als er 2014 starb, waren wir seit dreieinhalb Jahren Eheleute.
Und nun meine Aufzeichnungen vom Tag nach Martins Tod. Sie sagen viel auch über unsere Liebe. Ich bin davon überzeugt, dass die Tiefe der Liebe und eine gelingende Trauer in unmittelbarem Zusammenhang stehen.
Lesen Sie bitte weiter unter diesem Link
Tagebuchaufzeichnungen aus Episode 1