Sie sangen für die Ukraine: Gib Frieden, Herr, gib Frieden…

Gemeinsam zu schweigen, ist immer noch besser, als allein dazustehen. Das sagte Freitag beim ökumenischen Friedensgebet Pastor Jörg Schmid. Gemeinsam schweigend saßen beachtlich viele Christinnen und Christen in der Lambertikirche zur kurzfristig anberaumten Feier und sprachen still ihre eigenen Bitten und Gebete um Frieden für die Ukraine und Frieden für die Welt.

Sie schwiegen. Und sie beteten mit Jörg Schmid und Peter Schröder-Ellies. Und sie sangen: „Gib Frieden, Herr, gib Frieden!“ Der niederländische Kirchenlieddichter Jan Nooter hatte das Stück verfasst, das auf den Bonner Ernst Moritz Arndt zurückgeht und fast hellsichtig über die Zeit hinweg bittet:

„Gib Frieden, Herr, gib Frieden,
die Welt nimmt schlimmen Lauf.
Recht wird durch Macht entschieden,
wer lügt, liegt obenauf.
Das Unrecht geht im Schwange,
wer stark ist, der gewinnt.
Wir rufen: Herr, wie lange?
Hilf uns, die friedlos sind.“

Gib Frieden, Herr, wir bitten!
Die Erde wartet sehr.
Es wird so viel gelitten,
die Furcht wächst mehr und mehr.
Die Horizonte grollen,
der Glaube spinnt sich ein.
Hilf, wenn wir weichen wollen,
und lass uns nicht allein.

Kerzenbaum Freitagabend in der Lambertikirche. Jedes Licht, von der Osterkerze abgenommen, brennt für eine Fürbitte.

In diesem Text verdichtete sich, was wohl viele in der Kirche empfanden und bewegte. Vielleicht auch ein kleiner Funke Hoffnung. Dieses Friedenslied hatten Teilnehmerinnen und Teilnehmer der ostdeutschen Friedensbewegung in den späten 1980er-Jahren wieder und wieder gesungen.

„Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt obenauf…“ Was für ein Mut erfüllte die ostdeutschen Menschen, den Machthabern diese Zeilen ins Gesicht zu singen! Am Ende unterschiedlichster Bemühungen fiel die Mauer.

Eine Art Mauerfall schafften mit Gesang auch die Balten, die in diesen Tagen mit Angst und Sorge auf den russischen Überfall in der Ukraine schauen. Besonders die Auricher, die enge Verbindungen nach Litauen haben, wissen um die Kraft der baltischen Lieder. Litauen, Lettland und Estland eroberten sich letztendlich mit Hilfe der „singenden Revolution“ die Freiheit. Schon Monate vor dem Mauerfall am 9. November 1989 hatten sich zwei Millionen Menschen dicht an dicht und Hand in Hand zu einer weit über 600 Kilometer langen Kette quer durch die drei Staaten aneinandergereiht. Die Kette verband die  Hauptstätte Vilnius, Riga und Tallinn.

Auch danach sangen die Menschen trotz strenger Verbote der Sowjet-Herrschaft immer wieder zu Hunderttausenden ihre Lieder, sangen also in der „Muttersprache aller Völker“. Sie stellten ihre Forderungen – bis sie gewaltlos frei waren und ihre Unabhängigkeit erklärten.

Die Sowjetmacht versuchte, militärisch zu intervenieren. So stürmten Soldaten im Januar 1991 in Vilnius die Zentrale des litauischen Fernsehsenders. Doch die Bevölkerung setzte sich mit Blockaden erfolgreich zur Wehr. Die Sowjets zogen ab.

Der Krieg, den Russland nun in der Ukraine entfesselt hat, ist von eigenem Kaliber. Friedensromantik zur „Muttersprache aller Völker“ hilft nicht weiter, wohl aber die Botschaft von Menschen, die wie in der DDR, wie im Baltikum und wie Freitag beim Friedensgebet in der Auricher Ökumene selbst friedlich bleiben: betend, singend – und, wenn nichts anderes geht, auch schweigend. Der Wille zum Frieden ist es, der Frieden schaffen kann.

Auch 2019 beim Litauenbesuch der Kirchengemeinde St. Ludgerus Aurich fassten sich Menschen an den Händen, sangen und tanzten.

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