Biografie ZWEI LEBEN der Journalisten Delia Evers und Martin Willing
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INHALTSVERZEICHNIS

MARTIN WILLING

Zeitung im Osten: SPREEaufwärts (3)

Erste freie Wochenzeitung nach der Wende in Brandenburg

Noch heute denke ich mit Bedauern an unseren Antrittsbesuch bei den Kollegen in der Fürstenwalder Redaktion der „Märkischen Oderzeitung" (MOZ). Bei dieser Begegnung machte ich mir ein paar Notizen auf meinem Linx-PC, einem Vorläufer der heutigen Netbooks, der so klein war wie ein Blatt Papier und eine Gummi-Tastatur besaß, auf der ich lautlos schreiben konnte. Und weil ich das Zehn-Finger-System behersche und blind tippen kann, schaute ich der Kollegin in die Augen, während ich schrieb. So arbeitete ich meistens auf Sitzungen, bei denen ich mitzuschreiben hatte - ein für mich eingeübtes Verfahren.

Die Redaktionsleiterin der MOZ, der nur veraltete Technik zur Verfügung stand, schaute wie geschockt auf meinen Mini-PC und sagte etwa sinngemäß: Wie könnten sie und ihre Zeitung gegen solche Technik der neuen Konkurrenz aus dem Westen bestehen?

Mir tat es leid, dass von unserem Redaktionsbesuch, den wir als freundliche, kollegiale Begegnung geplant hatten, eher der Eindruck zurückgeblieben war, wir großkotzige Wessies seien mit Existenz gefährdender Technik einmarschiert.

Dieses Schlüsselerlebnis und besonders ein zweites schärften meine Verantwortung, in der noch existierenden DDR künftig behutsamer aufzutreten. Es war eine Begegnung mit Günter Kuhn, dem Superintendenten im evangelischen Kirchenkreis (heute: Fürstenwalde-Strausberg), einer einfühlsamen, lebenserfahrenen und hoch geachteten Persönlichkeit.

Bei diesem Gespräch in seinem Büro und bei einem weiteren, an dem auch der evangelische Pastor Eckhard Fichtmüller (heute Superintendent i. R.) teilnahm, verstand ich die für die geistige und politische Wende im Osten so wichtige Rolle der evangelischen Kirche. Viele ihrer Repräsentanten, die die gewaltlose Revolution in der DDR mit ihrem theologischen Fundament stützten, wollten eine Erneuerung dieses Staates an Geist und Körper, aber nicht, dass die Bürger mit fliegenden Fahnen ins vermeintliche D-Mark-Paradies überwechselten.

Dr. Mathias SchubertMit Hochachtung denke ich auch an eine weitere Persönlichkeit aus der Wendezeit. Dr. Mathias Schubert war evangelischer Theologe, als er im Herbst 1989 die erste große Demonstration in Fürstenwalde organisierte und bald darauf am Runden Tisch teilnahm. In die Zeit meiner ersten Begegnung mit ihm - Frühjahr 1990 - fiel seine Wahl zum Landrat des Kreises Fürstenwalde.

Landrat Dr. Mathias Schubert (1990).

Er hatte, vom Demokratischen Aufbruch (DA) kommend, für die Gruppierung Demokratie Jetzt kandidiert und trat wenig später der SPD bei. Mit Landrat Schubert pflegten wir enge Kontakte. Daraus entwickelte sich ein bemerkenswertes Vertrauensverhältnis. Eines Tages bat mich Schubert während einer routinemäßigen Pressebesprechung hinaus und ging mit mir durch den Park spazieren. Er suchte für seinen Umgang mit Mitarbeitern der Kreisverwaltung, die politisch belastet waren, Rat. Ich vermittelte den Kontakt zu vertrauenswürdigen Beamten in meinem Heimatkreis Kleve.

Schubert, der Theologe und Politiker, erwarb sich beim Umbau nach der Wende unschätzbare Verdienste. Nach der Kreisgebietsreform im Jahr 1994 (Großkreis Oder-Spree) musste bei der Landratswahl das Los zwischen ihm und seinem Gegenkandidaten entscheiden. Schubert verlor. Der SPD-Kandidat wurde im selben Jahr in den Bundestag gewählt und war bis 2002 Sprecher seiner Bundestagsfraktion für die Angelegenheiten der neuen Länder. Nach zwei Legislaturperioden verlor er die Kandidatennominierung in seinem Wahlkreis an eine SPD-Genossin und schied aus dem Bundestag aus. Dr. Mathias Schubert, Vater von drei Töchtern, starb am 29. Oktober 2004 in Schweden, wo er ein Ferienhaus sein Eigentum nannte. Er wurde nur 52 Jahre alt.

Zwar hatten wir 1990 in kurzer Zeit für unsere Zeitung SPREEaufwärts über tausend Abonnenten gewonnen - nach dem ersten vollen Jahr waren es sogar fast 2000. Aber wir konnten den Lesern die Zeitung zunächst nicht zustellen: Die Schlitze der Briefkästen blieben für uns samt und sonders verschlossen. Nur die Zusteller der Staatspost hatten Zugang zu den Kästen. Wir mussten Listen mit Namen und Adressen unserer Abonnenten bei der Post einliefern und dazu die entsprechende Anzahl Zeitungen.

Ein Teil der Auflage von SPREEaufwärts sollte durch Einzelverkauf an Kiosken, von denen es etliche im Raum Fürstenwalde gab, vertrieben werden. Auch das klappte nicht so, wie wir es uns wünschten, denn die Kioske standen unter Posthoheit, und nur die zuvor bei der Post eingelieferten Zeitungen durften hier verkauft werden.

Nach einigen Besprechungen mit der Postverwaltung von Fürstenwalde hatten wir das hier immer noch übliche Verfahren endlich kapiert: Sämtliche bei der Post eingelieferten Zeitungsexemplare, die für den Freiverkauf am Kiosk bestimmt waren, wurden dem Verlag - nach Abzug einer Provision - auch bezahlt. Remittiert wurde kein einziges Exemplar. Ob tatsächlich alle eingelieferten (und von der Post dem Verlag bezahlten) Zeitungen verkauft wurden, konnten wir nicht überprüfen und lag auch nicht in unserer Verantwortung: Nur über die Post war an die Zeitungskioske heranzukommen. Das änderte sich nach einigen Monaten - vermutlich durch den Einfluss von westdeutschen Aufbauhelfern.

Auch der Zugang zu den Briefkästen wurde bald frei, so dass wir mit eigenen Zeitungszustellern arbeiten konnten. Das war zugleich das Startsignal für westdeutsche Verlage, die mit kostenlosen Anzeigenblättern die neuen Märkte abdecken wollten und zunächst von den verschlossenen Briefkästen in den Siedlungszentren ausgebremst worden waren.

Erst nach einigen Monaten konnten wir unser Gastspiel in der CDU-Geschäftsstelle an der Thälmannstraße - hier durften wir während der Geschäftszeiten einen Raum für unsere Redaktionsarbeit nutzen - und unsere provisorische Unterbringung in der Datscha beenden. Horst Kurzhals, der CDU-Geschäftsführer, hatte uns eine kleine Wohnung in der Innenstadt vermittelt, die wir mieteten und mit Möbeln aus dem Kevelaerer Verlag ausstatteten, so dass wir dort unter halbswegs normalen Bedingungen arbeiten und wohnen konnten. Einen Telefonanschluss gab es auch dort natürlich nicht. Was wir erfahren wollten, mussten wir vor Ort recherchieren.

Für die Zeit im CDU-Büro waren wir dem Parteigeschäftsführer dankbar. Er begann jeden Morgen Punkt sieben mit der Arbeit, die mit einem gemeinsamen Bürofrühstück eröffnet wurde. Was sich im Laufe des Tages an Aufgaben, die zu erledigen waren, ergab, erschloss sich uns in den Monaten, da wir das Parteibüro mitnutzen durften, nicht.

Wir hatten eines Morgens einen besonderen Gast beim Frühstück im Parteibüro: Rainer Eppelmann war gekommen, der später in diesem Wahlkreis für den Deutschen Bundestag kandidierte. Und noch einen prominenten Politiker der DDR traf ich in Fürstenwalde: Gregor Gysi machte Wahlkampf für die PDS.

Als Mitte Mai 1990 die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion zwischen der Bundesrepublik und der DDR beschlossen worden und zum 1. Juli die D-Mark eingeführt waren, verstärkten wir in SPREEaufwärts unsere wirtschaftspolitische Berichterstattung. Mit einer Sonderseite informierten wir die Leser zum Beispiel, was es mit der Mehrwertsteuer auf sich hat und wieso sie für Kaufleute, die vorsteuerabzugsberechtigt sind, nur ein durchlaufender Posten ist. Zahlreiche Kaufleute, die zum Teil zu unseren Inserenten zählten, ließen sich in persönlichen Gesprächen über Unternehmensführung und Buchhaltung informieren.


Der Sparkasse von Fürstenwalde unter die Arme gegriffen (v.l.): Gerd Blombach (Kevelaer), Landrat Dr. Mathias Schubert (Fürstenwalde), Ingo Fahlisch (Fürstenwalde)und Willy Hendricks (Goch).

Wir hatten die Kreissparkasse in Fürstenwalde als Hausbank des Spree-Verlags gewählt. Zu Ingo Fahlisch vom Vorstand dieses für die Erneuerung der heimischen Wirtschaft so wichtigen Geldinstituts pflegten wir gute Beziehungen - so wie zum Vorstandsvorsitzenden der > Verbandssparkasse Goch-Kevelaer-Weeze, > Gerd Blombach in Kevelaer. Beide, Fahlisch und Blombach, kamen über die „Brücke" SPREEaufwärts in Kontakt, woraus sich eine nachhaltige Zusammenarbeit beider Kassen entwickelte, die der Kreissparkasse in Fürstenwalde beim Übergang in die neue Zeit enorm half.

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© Martin Willing 2012, 2013