WEP - Willing, Evers und Partner | Gründung einer Unternehmensberatung
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INHALTSVERZEICHNIS

MARTIN WILLING

WEP - Willing, Evers und Partner

Gründung einer Unternehmensberatung

In den Aufbaujahren unseres Zeitungsverlages hatten wir uns wirtschaftswissenschaftlich umfassend weitergebildet - zwangläufig, denn zur journalistischen Ausbildung hatte gute Kaufmannschaft nicht gezählt. Uns war zu jedem Zeitpunkt klar gewesen, dass wir unsere über hundert Jahre alte Zeitung nur dann wirtschaftlich fahren und für die Zukunft erhalten könnten, wenn wir Spitzenleistungen abliefern würden, und zwar nicht nur auf dem journalistischen, sondern auch auf dem verlegerischen Feld.

Uns hatte jedoch keine Zeit zur Verfügung gestanden, neben der Redaktionsarbeit ein betriebs- oder volkswirtschaftliches Studium zu absolvieren, um uns für den harten Konkurrenzkampf auf dem Medienmarkt zu rüsten. Eine solche Überlegung - sie war einmal für Delia Evers angedacht worden - hatten wir schnell verworfen, weil ich allein den täglichen Anforderungen des KB-Betriebs nicht gewachsen gewesen wäre. So hatten wir uns für ein gemeinsames „Crash-Studium“ in der kargen Freizeit entschieden: Wir studierten meterweise Fachliteratur und nahmen jede sich bietende Gelegenheit wahr, in Kursen und Seminaren unser Wissen zu erweitern. Uns interessierte besonders, wie kleine, mittelständische Unternehmen erfolgreich geführt werden, und entwickelten, natürlich vorrangig mit Blick auf den Kävels Bläche Zeitungsverlag, Strategien und Instrumentarien für mittelständisches Management.

Heute wissen wir, dass diese jahrelange Intensiv-Beschäftigung mit dem kleinen und großen Einmaleins der Betriebswirtschaft - neben dem journalistischen Einsatz - der Schlüssel zum Erfolg gewesen ist.

Der Zeitungsverlag befand sich 1985, im Jahr vor Gründung der WEP Unternehmensberatung, in einer finanziell komfortablen Lage. Dank des besten Anzeigenaufkommens, das wir je im Kävels Bläche zu verzeichnen hatten, fiel es leicht, die Kosten für weitere Hilfskräfte und freie Mitarbeiter zu tragen. Den Freiraum, den Delia Evers und ich dadurch gewannen, nutzten wir für neue Aktivitäten. Uns genügte bald nicht mehr, über die unterentwickelte Wirtschaftsförderung in Kevelaer zu berichten. Unsere Anzeigenkunden und Leser, die vielen Handwerker, Kaufleute und Dienstleister in der Stadt, hatten unserer Meinung nach eine bessere Unterstützung verdient - und mancher hatte sie auch dringend nötig. Dafür wollten wir uns einsetzen. Wir entschlossen uns, der Stadt Kevelaer anzubieten, für sie eine moderne Wirtschaftsförderung zu konzipieren.

In mehreren Gesprächen mit Stadtdirektor > Heinz Paal war rasch Einigkeit darüber erzielt, dass neue Ideen entwickelt werden mussten. Auf Paals Einladung hin unterbreiteten wir am 16. Januar 1986 der Stadt als Willing, Evers & Partner - WEP Unternehmensberatung - ein entsprechendes Angebot.

Foto zeigt Heinz Paal 1986.Am 6. Februar informierte Paal (Bild) schriftlich die Mitglieder der städtischen Wirtschaftsförderungskommission, und am 20. Februar erläuterte ich auf Einladung des Vorsitzenden > Hans Broeckmann in nichtöffentlicher Sitzung der Wirtschaftsförderungskommission, was wir für die Stadt erarbeiten wollten.

Heinz Paal (1985).

Einstimmig wurde beschlossen, den Auftrag - nach interner Beratung durch den Stadtrat - an die WEP zu vergeben. Am 27. März 1986 schlossen die Stadt Kevelaer und unsere Unternehmensberatung einen entsprechenden Vertrag. Darin verpflichtete sich die WEP, bis Ende des Jahres die Konzeption für eine städtische Wirtschaftsförderung vorzulegen.

Wir hatten zu keinem Zeitpunkt die Illusion, dass das vereinbarte Honorar unsere Kosten decken würde. Uns war wichtiger, für die Gewerbetreibenden und für die Bürger in der Stadt etwas Gutes zu erreichen. Für ein Dreivierteljahr klinkte ich mich weit gehend aus der Zeitungsredaktion aus und begann die gutachterliche Arbeit mit einer umfassenden Befragung von über tausend Gewerbetreibenden in Kevelaer, deren Adressen aus unterschiedlichen Quellen aufwändig zusammengetragen werden mussten.

Das WEP-Gutachten lieferte der Stadt später, quasi als Bonus-Material, die erste komplette Tabelle mit Namen, Adressen und Geschäftsfeldern von rund 1.175 Unternehmungen in Kevelaer. Der - anonym bleibende - Fragebogen beinhaltete 67 Fragen, deren Antworten Aufschluss über die Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Firmen gaben. 162 Rückantworten trafen bei uns ein. 254 verschiedene Code-Nummern, die den Antwortmöglichkeiten intern zugeordnet waren, ergaben insgesamt fast 40.000 Zahlenreihen, die in den WEP-Computer eingegeben wurden.

Die Antworten, die mit Rechnerhilfe interpretiert wurden, waren aussagekräftig und repräsentativ. Auf dieser Basis entwickelten wir in den folgenden Monaten zahlreiche ausgefeilte Einzelkonzepte für eine moderne städtische Wirtschaftsförderung. In ungezählten Fachgesprächen diskutierten Delia Evers und ich die Ideen, bevor ich sie ins Gutachten einbaute. Am Ende lag die „Neue Wirtschaftsförderung der Stadt Kevelaer“ in fünf Büchern vor - auf insgesamt rund 700 Seiten. Wir übergaben sie am 19. Dezember 1986 Stadtdirektor Heinz Paal mit dem Vorschlag, in einem zweiteiligen Seminar die Mitglieder der Wirtschaftsförderungskommission einzuarbeiten.

Für das Seminar im Januar 1987 mieteten wir uns im Hotel Schravelsche Heide ein. Unser aller Hauptaugenmerk galt der Frage, wie die als dringend notwendige „neue Wirtschaftsförderung“ konkret umzusetzen sei. Dafür bedurfte es eines „Machers“, den es in der Stadtverwaltung freilich nicht gab. In den vergangenen Monaten, in denen ich mich quasi Tag und Nacht mit dem Thema beschäftigt hatte, war mir dieses personale Defizit als Dreh- und Angelpunkt längst klar geworden: Ohne einen Wirtschaftsförderer, der die Ideen umsetzte, käme die Stadt nicht voran. Deshalb schlugen wir als Sofortlösung vor, für eine begrenzte Zeit als externe Dienstleister die Ausführung zu übernehmen.

Dazu konnte sich die Wirtschaftsförderungskommission allerdings nicht entschließen, was bei uns eher Erleichterung als Enttäuschung auslöste, weil ich sonst für ein weiteres Jahr und womöglich länger meinem Zeitungsverlag entzogen gewesen wäre - dann aber vollständig, denn eine Verknüpfung zwischen der journalistischen und der städtischen Arbeit wäre undenkbar gewesen.

Nicht unglücklich über das sich abzeichnende Meinungsbild unter den Politikern, von auswärts Sachverstand einkaufen zu wollen, informierte ich 1987 Stadtdirektor Heinz Paal der Ordnung halber darüber, dass die WEP als ausführende Dienstleisterin für die von ihr entwickelten Projekte nicht mehr zur Verfügung stehen würde.

Das Gutachten motivierte die Stadt, und darin lag wohl sein größter Wert, zu einem mutigen Schritt: Zwei Jahre nach Abgabe des Gutachtens wurde die Wirtschaftsförderungsgesellschaft - als erste städtische GmbH im Kreis Kleve - mit > Hans-Josef Kuypers als hauptamtlichem Geschäftsführer ins Leben gerufen.

Inzwischen war ich heilfroh, dass ich volle neun Monate Arbeit in das Gutachten investiert hatte. Jedem Fachmann, der das Ergebnis in fünf gebundenen Büchern mit dem vereinbarten Honorar verglich, musste klar sein, dass wir an dem Auftrag nichts verdient, sondern draufgezahlt hatten. Dem „schlechten Geschäft“ gewannen wir die gute Seite ab, dass wir der Stadt, in der wir zuvorderst als Journalisten in der Öffentlichkeit auftraten, nicht „dankbar“ sein mussten. Wir waren unabhängig und fühlten uns auch so.

In der Folgezeit mussten wir aber erkennen, dass es ein kapitaler Fehler gewesen war, der Stadt auch die Ausführung der neuen Konzeption angeboten zu haben. Was wir als Soforthilfe im Interesse der Stadt vorgeschlagen hatten, wurde uns bei den zahlreichen Auseinandersetzungen, die wir in den folgenden Jahren als Journalisten mit Politikern der Stadt austrugen, penetrant als angebliche „Retourkutsche“ für den nicht erteilten Ausführungsauftrag vorgehalten. Sogar noch fast zehn Jahre nach Abgabe des Gutachtens wärmte ein Politiker in seiner Haushaltsrede diesen hanebüchenen Vorwurf auf und sprach davon, die KB-Journalisten seien deswegen so kritisch gegenüber Rat und Verwaltung, weil sie „damals gescheitert“ seien.

Mir platzte der Kragen. Ich bat den Stadtdirektor Anfang 1995 um Klarstellung, und Heinz Paal bestätigte schriftlich, dass ich mich ihm gegenüber niemals daran interessiert gezeigt hatte, „meine Selbständigkeit aufzugeben, um angestellter Wirtschaftsförderer bei der Stadt zu werden“. Und auf die Frage, „War die Arbeit, die unsere Unternehmensberatung für die Stadt abgeliefert hat, ihr Geld wert?“, antwortete Paal: „Ja.“ Danach wurde der verkorkste Vorwurf, jedenfalls öffentlich, nicht mehr von der Politik bemüht.

Die WEP Unternehmensberatung kam nach dem Stadtauftrag gut ins Geschäft. Wir entwickelten für eine andere Körperschaft des öffentlichen Rechts eine grundlegende Konzeption für die Kommunikation mit ihren Zielgruppen, arbeiteten für einige Firmeninhaber betriebswirtschaftliche Strategien aus, begleiteten ein, zwei Jahre ein wirtschaftlich notleidendes Unternehmen bis ins ruhigere Fahrwasser und leisteten für manchen unserer Anzeigenkunden im Hintergrund erheblich mehr, als das gewöhnlich von der Akquisitionsabteilung einer Zeitung zu erwarten gewesen wäre.

Ende der 1980er-Jahre kam der größte Auftrag, den die WEP je hatte. In einem Fachblatt hatte eine Körperschaft des öffentlichen Rechts, ansässig in Berlin, die Aufgabe „Neues Kommunikationskonzept“ ausgeschrieben. Wir fühlten uns herausgefordert, bereiteten intensiv unser Angebot vor und schickten es ab. Eines Tages rief mich einer der Geschäftsführer an und lud mich für den nächsten Vormittag zu einer Unterredung ein.

Ich lernte sehr schnell, dass es dem Auftraggeber völlig egal ist, wo der Dienstleister sein Büro hat - Hauptsache, er ist sofort zu Stelle, wenn er gebraucht wird. Die 600 Kilometer zwischen Kevelaer und Berlin durften weder jetzt noch später eine Rolle spielen. Mit Hilfe von Flieger und Taxi war ich am nächsten Tag pünktlich zur Stelle. Nach einem kurzen Gespräch saß ich am frühen Nachmittag wieder im Flugzeug - mit dem Auftrag in der Tasche. Mit „Berlin“ stieß die WEP in eine Liga vor, in der nur wenige Unternehmensberatungen Fuß fassen können.

In den nächsten Monaten war ich mindestens einmal, zuweilen auch zweimal pro Woche in Berlin und machte in der Zentrale der Körperschaft, die mehr Menschen beschäftigte als die Stadtverwaltung Kevelaer, erst einmal grundlegende Erhebungen, unter anderem mit dem Instrument einer ausgefeilten Befragung, bei der sich Mitarbeiter anonym äußern konnten. Nach einigen Monaten hatten wir den ersten von mehreren Teilen der Konzeption erarbeitet. Delia Evers, Mitarbeiterin Klaudia Kressin und ich stellten ihn dem Vorstand in Berlin vor.

Nach Abschluss der konzeptionellen Arbeit und nach zahlreichen Meetings in Berlin hatte der Vorstandsvorsitzende soviel Vertrauen in unsere Leistung als Kommunikationsfachleute gewonnen, dass er und der Vorstand diese Beratung nun regelmäßig und unbefristet in Anspruch nahmen. Zusätzlich erhielt die WEP den Auftrag, ein monatlich erscheinendes Mitteilungsblatt der Körperschaft, gedruckt in -zigtausender Auflage, als Journalisten zu betreuen und bis zum Druck herzustellen.

Spätestens jetzt wurde es Zeit, die Hotelquartiere gegen ein festes Domizil in Berlin zu tauschen. Wir mieteten eine Wohnung in der Nähe einer S-Bahnstation, so dass wir mit öffentlichen Verkehrsmitteln die Zentrale unseres Kunden leicht erreichen konnten.

Der Berliner Auftrag forderte praktisch in der jeder Woche für ein, zwei Tage die Anwesenheit von Delia Evers oder mir vor Ort. Deshalb stockten wir unsere Mannschaft für die Zeitungsarbeit in Kevelaer auf. Trotz unserer häufigen Abwesenheit von Kevelaer gehörte dem Kävels Bläche nach wie vor unsere ganze Aufmerksamkeit. Ohnehin konnten wir die Berliner Termine meistens in die zweite Wochenhälfte legen, wenn die Arbeiten für die neue Ausgabe des Kävels Bläche abgeschlossen waren.

Aber es blieb nicht bei „Berlin“. Zeitgleich hatten wir, unmittelbar nach dem Mauerfall, in der Kreisstadt Fürstenwalde, östlich von Berlin gelegen, eine neue Zeitung gegründet - eine Schwesternzeitung des Kevelaerer Blatts, die SPREEaufwärts hieß und ein überaus erfreuliches Echo bei den ostdeutschen Lesern gefunden hatte (davon mehr in einem späteren Kapitel).

Anfang der 1990er-Jahre liefen unsere Motoren am Limit. Es war die Zeit der höchsten Belastungen für uns und die Mitarbeiter in unseren inzwischen drei Unternehmungen - der Kävels Bläche Zeitungsverlag GmbH, der WEP Unternehmungsberatung GbR und der Spree-Verlag GmbH, in der wir die ostdeutsche Zeitung herausgaben.

Kein Zweifel, wir hatten einige Jahre sehr erfolgreich in der Hauptstadt gearbeitet, und die Aufgabe in Berlin war schön und profitabel gewesen. Aber Delia Evers und ich waren uns eines Tages auch ohne viele Worte sofort einig: Nun musste Schluss sein.

Wir baten den neuen Vorstandsvorsitzenden in Berlin um vorzeitige Entlassung aus unserem Vertrag zur Herstellung des monatlichen Mitteilungsblatts. Er stimmte zu, und wir verabschiedeten uns, erleichtert, von unserem Auftraggeber.

Wir waren Vollblutjournalisten, die sich wie bei einem Neuanfang darauf freuten, sich nunmehr wieder ganz auf die Zeitungsarbeit konzentrieren zu können. Weitere Aufträge für die Unternehmensberatung nahmen wir nicht an. Zum 30. September 1994 meldeten wir die WEP als Gewerbe ab und lösten die Gesellschaft auf. 

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© Martin Willing 2012, 2013