Erinnerungen ZWEI LEBEN der Journalisten Delia Evers und Martin Willing
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INHALTSVERZEICHNIS

DELIA EVERS

Der Streik (4)

Das bundesweite Echo auf die Streikaktion und seine Folgen

Wegen meiner guten Beziehungen zu RP-Leuten in Düsseldorf war ich bestens im Bilde, wie im Verlag der „Fall Willing" behandelt wurde. Zunächst wurde der beurlaubte Redaktionsleiter zu einem der Verlagsdirektoren* einbestellt. Wie ich später von einem Informanten im Umfeld des Düsseldorfer Betriebsrats hörte, war mit Willing die Auflösung des Dienstverhältnisses verabredet worden, weil er die Strafversetzung nach Wesel mit Gehaltskürzung abgelehnt hatte. Der Informant zeigte sich verwundert darüber, dass in dem Vertragsentwurf, so glaubte er zu wissen, ein kurzfristiges Ausscheiden ohne jede Zahlung einer Abfindung - Willing gehörte bereits zehn Jahre zum Laden - vorgesehen sei. „Jede Putzfrau kriegt eine Abfindung", erregte sich der Informant am Telefon.

Ich sprach darüber mit Martin Willing, der in Folge seiner Enttäuschung über den Umfall seiner früheren Redaktionsmitglieder offenbar nur noch so schnell wie möglich 'raus wollte und dabei nicht an seine Rechte als Arbeitnehmer dachte. Das änderte sich nun.

Als er kurz darauf wie verabredet in der Düsseldorfer Zentrale erschien, um den Vertrag mit dem sang- und klanglosen Ausscheiden zu unterzeichnen, war er in Begleitung seines Anwalts > Klaus Hölzle.

Verabredet wurde nun, wie Einweihte aus Düsseldorf später berichteten, ein Auflösungsvertrag, auf den der langjährige Angestellten einen Rechtsanspruch hatte - mit Einhaltung der Kündigungsfrist und entsprechender Bezahlung für diese Zeit, allerdings unter Beibehaltung der Beurlaubung.

Am selben Tag schrieb ich dem RP-Verlag meine Kündigung. Sie bestand nur aus zwei Sätzen:

Hiermit kündige ich zum nächstmöglichen Termin. Ich schäme mich für den Verlag.

In diesen Tagen kristallisierte sich heraus, was dem beurlaubten Lokalchef in der Hauptsache vorgeworfen wurde: Er habe die Zeitungsausgabe, für die er die Verantwortung trug, für „persönliche Interessen missbraucht„. Dass es sich in Wirklichkeit um einen legalen Arbeitskampf gehandelt hatte, bei dem es darum gegangen war, gute Redaktionsarbeit auch künftig zu sichern, spielte dabei aus Sicht der Arbeitgeber keine Rolle.

„Die Veröffentlichung am 15. November war ein gravierendes Geschehen, das die sofortige Beurlaubung notwendig gemacht hat", sagte ein hochrangiger RP-Vertreter fünf Tage danach gegenüber Peter Nieting, der in Geldern die „Leserinitiative Rheinische Post" ins Leben gerufen hatte. Der RP-Vertreter warf in dem Gespräch Willing „Missbrauch des Mediums, um eigenen Verdruss abzuladen" vor - eine böse Verdrehung der Tatsachen, geäußert im nicht geschützten Raum gegenüber Dritten.

Am Freitag, 21. November, erschien in Geldern ein Fernsehteam des WDR, um den Fall aufzugreifen. Ich sagte vor der Kamera, dass sämtliche Kollegen von Anfang an mitgemacht und hinter der Warnstreikaktion mit der Kasten-Veröffentlichung gestanden hätten.

Heinrich BöllAuch eine Radio-Livesendung aus Moers befasste sich mit dem Thema. Der Schriftsteller Heinrich Böll, durch sein Drama „Die verlorene Ehre der Katharina Blum" als Experte in Sachen Presse ausgewiesen, bezog sich auf den Fall Geldern und kritisierte, es sei mit der inneren Pressefreiheit schlecht bestellt.

Mit diesen Veröffentlichungen begann eine bundesweite Berichterstattung über die Vorgänge, die letztlich dazu führte, dass der Name Willing in jedem deutschen Verlagshaus bekannt wurde. Das hatte, wie er und ich schon bald erfahren mussten, böse Konsequenzen: Unsere Namen kamen sozusagen auf eine schwarze Liste. Wir waren in der Branche gebrandmarkt und hatten keine Chance mehr, irgendwo in Deutschland eine Redakteursstelle zu bekommen. Die Folgen der Düsseldorfer Entscheidung und der anschließend bundesweiten Behandlung in Fernsehen, Radio, Zeitungen und Fachzeitschriften spitzten sich im Ergebnis zu: praktisch auf ein Berufsverbot.

Faksimile des Zeitungsartikels AckermannAm Tag nach der Fernsehsendung trat der neue Lokalchef Dieter Ackermann seinen Dienst an, der bislang im Xantener Raum gearbeitet hatte. Vor ihm und weiteren Redaktionsmitgliedern fand an diesem Morgen eine denkwürdige Begegnung statt: Als ich in die Redaktion kam, überfiel mich jener Kollege, über den später ein Ehrengerichtsverfahren des Deutschen Journalistenverbands (DJV) eröffnet wurde, mit dem Satz: „Sie haben im Fernsehen ja gelogen!" Keineswegs seien alle Kollegen von Anfang an dabei gewesen. Sein Verhalten habe sich doch ganz eindeutig von dem der anderen unterschieden.

Ich hielt ihm vor, er habe maßgeblich am Zustandekommen der Warnstreik-Veröffentlichung mitgewirkt. Und außerdem habe er wenige Tage zuvor, als der Text für die Veröffentlichung formuliert war und jeder gefragt wurde, ob er das Papier unterschreibe, mit Vehemenz erklärt: Er als DJV-Mitglied sei doch selbstverständlich dabei.

Er war nicht der einzige, der mit Dolchstoßlegenden und gestelzten Unwahrheiten seine Rolle beim Warnstreik am liebsten so klein machen wollte, dass am Ende die Geschichte des Falls Geldern neu geschrieben werden müsste: Der gefeuerte Redaktionsleiter war nur von tapferen Widerstandskämpfern umgeben, in deren Macht es leider nicht lag, die Warnstreik-Aktion des durchgeknallten Lokalchefs zu verhindern.

Ich ertrug die verbleibende Zeit in der Redaktion - der Verlag akzeptierte eine Verkürzung der Kündigungsfrist und ließ die Kündigung zum 31. Dezember wirksam werden - mit Abscheu gegenüber solcher Niedertracht und machte drei Kreuze, als ich die Redaktionstür endgültig hinter mir schließen konnte.

Am Abend jenes Tages, da ich die bemerkenswerte Begegnung mit dem neu geborenen Widerstandskämpfer in der Redaktion hatte, rief der Oberkreisdirektor des Kreises Kleve, > Dr. Hans-Wilhelm Schneider, Martin Willing zu Hause an. Er habe von der Geschichte mit der Beurlaubung gehört. Dann fragte Schneider den Kevelaerer, ob er sich vorstellen könne, Pressesprecher des Kreises zu werden.

Als Martin Willing Jahre danach über dieses Gespräch im Kevelaerer Blatt berichtete, drückte er noch einmal seine Dankbarkeit gegenüber dem Klever OKD aus. Es war die erste und auch einzige Hilfe mit beruflicher Perspektive gewesen, die dem Journalisten in jenen Wochen angeboten wurde.

Auch ich war mit einem de-facto-Berufsverbot belegt. Sogar eine Beschäftigung als freie Mitarbeiterin konnte ich im weiteren Umfeld nicht bekommen. Bevor ich mich Anfang 1981 bei der Heinrich-Heine-Universität immatrikulierte, um Germanistik und Philosophie zu studieren, musste ich in Gaststätten kellnern, um mich über Wasser zu halten. Das Studium hätte ich mir nie leisten können. Es war > Helmut Esters, Bundestagsabgeordneter aus Kevelaer, der mir entscheidend half, dass ich ein Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung bekam. Wie sehr freue ich mich darüber, dass dieser Mann seit Mai 2009 Ehrenbürger der Stadt Kevelaer ist.

Zurück zum Jahr 1980, zum 22. November. Da geschah etwas, was es in der deutschen Presse so noch nicht gegeben hatte. Am meisten verblüfft waren die Verlagsspitze in Düsseldorf und die in Deckung gegangenen Redaktionsmitglieder in Geldern. Ein regelrechter Leseraufstand brach sich Bahn. In die Hunderte gingen die Abbestellungen der Zeitung. Einige Abbesteller weigern sich bis heute, die RP wieder zu beziehen.

Die Verlagsleitung hatte das gewerkliche Engagement des Gelderner Redaktionsleiters völlig überschätzt und die öffentlichen Reaktionen auf seine Beurlaubung restlos unterschätzt. Die hervorragende Entwicklung, die die Lokalausgabe unter Willings Leitung in den vergangenen sieben Jahren genommen hatte, und das vorzügliche Rennomé der Zeitung waren stark mit Willings Person und seiner journalistischen Leistung verknüpft. Die Annahme, dass nach dem Auswechseln des Redaktionsleiters rasch Ruhe einkehren und die Leser zur Tagesordnung übergehen würden, war der verhängnisvollste von vielen Fehlern des Krisenmanagements der Düsseldorfer Verlagsspitze.

Am 22. November schlossen sich in Geldern die Parteien CDU, SPD, FDP, Die Grünen sowie ihre Jugendorganisationen Junge Union, Jungsozialisten und Liberaler Club, ferner die Industriegewerkschaft Druck und Papier und der Kulturarbeitskreis AECOM zusammen mit Hunderten Bürgern aus dem ganzen Kreis zu der „Leserinitiative Rheinische Post" zusammen. In einer gemeinsamen Erklärung wurde festgehalten:

Wir unterstützen den ausgewogenen und kritischen Journalismus der Gelderner RP-Lokalredaktion, der von Herrn Willing maßgeblich geprägt wurde. Aus Besorgnis über die zukünftige Entwicklung fordern wir von der Verlagsleitung die Fortsetzung der bisherigen von uns geschätzten journalistischen Arbeit. (...) Wir fordern daher von der Verlagsleitung die umgehende Wiedereinsetzung von Herrn Martin Willing als Lokalchef der Gelderner RP sowie der aus Solidarität zurückgetretenen Mitarbeiter.

Foto zeigt Beate Meisner und Heinz Seesing in der KB-Redaktion.Inzwischen hatte außer mir auch unsere Sekretärin Beate Meißner, die nun aus dem Urlaub zurückgekehrt war, aus Protest gekündigt.

Beate Meißner mit MdB > Heinz Seesing in der KB-Redaktion.

Bereits am 19. November hatte Hilke Neuß, die ganz wesentlich für den hervorragenden Sportteil der RP Geldern verantwortlich war, in einem Brief an den Verlagsdirektor ihre Mitarbeit mit sofortiger Wirkung aufgekündigt. „Es ist mir unmöglich, für einen Verlag zu arbeiten, der glaubt, auf einen so hochqualifizierten Mitarbeiter verzichten zu müssen, wobei die Umstände dieses unglaublichen Vorgangs geradezu beschämend sind".

Faksimile des FlugblattsHilke Neuß legte auch den Finger in eine böse Wunde: Weil nach der „Miss-Niederrhein„-Kritik („Unten-ohne-Foto") durch Martin Willing wenige Tage vor seiner Beurlaubung die Gegenseite inzwischen publizistisches Abwehrfeuer gezündet hatte, bei dem der Autor ins Zwielicht gezerrt werden sollte, hätte Willings Artikel und Ruf nun verteidigt werden müssen. Das war dem Beurlaubten natürlich selbst nicht mehr möglich, aber seine Redaktion hätte ihn oder doch zumindest seine Sache verteidigen müssen. Weil das vor der Öffentlichkeit unterblieb, konnte in Teilen der Öffentlichkeit der falsche Eindruck entstehen, als sei da mit dem Willing-Bericht etwas nicht koscher gewesen, was man schon daran erkenne könne, dass er sofort beurlaubt worden sei.

Das Flugblatt der Leserinitiative.

Für Samstag, 29. November, rief die „Leserinitiative Rheinische Post" zu einer Demonstration und Kundgebung in Geldern auf. Dafür wurden im Kreis Kleve 30.000 Flugblätter verteilt.


Anmerkung
*
Die Einbestellung war durch Verlagsdirektor Dr. Joseph Schaffrath erfolgt (* 1927, † 2013). Martin Willing, der sich in diesen Arbeitsrechtsfragen nicht auskannte und nicht wusste, dass er Anspruch auf eine Abfindung haben könnte, fühlte sich schließlich von dem Verlagsdirektor "über den Tisch gezogen". Schaffrath erwähnte eine Abfindung mit keinem Wort und hatte bereits Willings Einverständnis erreicht, dass das Vertragsverhältnis am Jahresende sang- und klanglos auslaufen würde. Zur Vertragsunterzeichnung war Willing bereits für den 18. Dezember nach Düsseldorf bestellt. Nachdem ein Düsseldorfer Betriebsratsmitglied Willing über seine Rechte und Ansprüche aufgeklärt hatte, schaltete Willing für die weiteren Auseinandersetzungen mit der Rheinischen Post einen Anwalt ein, und die Geschichte nahm einen anderen Verlauf.

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© Martin Willing 2012, 2013