Erinnerungen ZWEI LEBEN der Journalisten Delia Evers und Martin Willing
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MARTIN WILLING

Himmlische Arbeitsbedingungen

Die Zeit bei der WAZ in Walsum

Am 6. April 1964 machte die WAZ Dinslaken mit „Ein Hoch belebt den Arbeitsmarkt" auf - mit meinem ersten Artikel als Volontär und damit als angehender Berufsjournalist.

Es war die Zeit, da dieser Beruf noch nicht verakademisiert war. Früher wurden aufgeweckte Schreibtalente gesucht, die sich ihr Wissen im Berufsalltag erwerben. Heute müssen Bewerber ihr Wissen mitbringen und durch Examen nachweisen; erst dann dürfen sie ihre ersten Zeilen veröffentlichen. Da fallen Talente durchs Raster, und auf den Planstellen sitzen zuweilen studierte, lausige Formulierer.

Martin Willing (1963)Mancher unserer Großen im Journalismus wäre, müsste er noch einmal starten, chancenlos. Er würde schon beim Versuch, in den Beruf einzusteigen, aussortiert.

Mit dicker Hornbrille: Martin Willing in den 1960er-Jahren.

Ein knappes Jahr lernte ich die Redaktionsarbeit von der Pieke auf unter meinem Redaktionsleiter Hans Götte und seinem Redakteur Erhard Bruse. Wir begegneten uns in dem winzigen Büro, das der Redaktion im Hinterhof der Geschäftsstelle an Dinslakens Hauptgeschäftsstraße überlassen war, in respektvoller Freundschaft. Götte und Bruse hatten ihre Freude an dem lernbegierigen, einsatzfreudigen Nachwuchskollegen, und der junge Mann versuchte, mit Leistung und Loyalität seine Stellung als Dritter im Bunde zu rechtfertigen.

Gleichwohl gingen meine Ziele über das hinaus, was ich im Dinslakener Team erreichen konnte. Lokalchef Hans Götte ahnte das wohl und beauftragte mich - da war ich noch Volontär - mit der journalistischen Betreuung von Walsum, der zweiten großen Stadt im Verbreitungsgebiet der Dinslakener Ausgabe. Jetzt hatte ich „mein Gebiet", und es war mir, als wäre ein Traum in Erfüllung gegangen. Das Tempo, das ich nun vorlegte, machte mir freilich unter den Kollegen der drei konkurrierenden Zeitungen in Dinslaken nicht nur Freunde. Gebremst wurde mein Eifer durch den frühen Redaktionsschluss, den der Fahrplan der Eisenbahn, die das Material täglich nach Essen transportierte, vorgab.

Meine Stunde schlug, als der „Duisburger Generalanzeiger" von der WAZ aufgekauft wurde und das Walsumer Ladenlokal dieser Zeitung schräg gegenüber denen von NRZ und RP verwaiste. Die WAZ richtete hier ihre Walsumer Geschäftsstelle ein. Das Zimmerchen, in dem die Redaktion des Generalanzeigers gearbeitet hatte, blieb leer.

Ich nutzte bei meinen täglichen Besuchen in der Stadt Walsum das kleine Büro immer häufiger für die Arbeit am Schreibtisch - im wahrsten Sinne des Wortes als Alleinredakteur: Ich war, nachdem der Verlag mir einige Monate meiner Ausbildungszeit geschenkt hatte, Redakteur und allein. Begeistert war mein Lokalchef Hans Götte in Dinslaken über die Entwicklung zunächst nicht, denn immer seltener ließ ich mich in der „Zentralredaktion" blicken.

In Walsum konnte ich ohne jede Störung meine Texte schreiben. Und aus der früher eher sporadischen Walsum-Berichterstattung entwickelte sich eine tägliche Walsum-Seite, für die ich von der ersten bis zur letzten Zeile verantwortlich war.

Anfangs fuhr ich noch jeden Nachmittag mit meinen Manuskripten zur Lokalredaktion in Dinslaken. Weil durch die Fahrerei mein ohnehin früher Redaktionsschluss noch weiter vorgezogen werden musste und mir die produktivsten Stunden am späten Nachmittag fehlten, setzten wir bald ein Taxi ein, dass mein Material abholte und zur Redaktion in Dinslaken schaffte.

Ich baute mein erstes Zeitungsarchiv auf: Für jede in der Öffentlichkeit stehende Person legte ich einen Karteizettel an. Das tabellarisch aufgebaute Personen-Dossier wurde von mir um neue Informationen ergänzt, und im Laufe der Jahre hatte ich ein beachtliches Personenarchiv zusammen, das mir bei der täglichen Berichterstattung gute Dienste leistete.

Der frühe Redaktionsschluss in Dinslaken, den ich einzuhalten hatte, wurde schließlich für Walsum aufgehoben. Ich durfte nun direkt von Walsum aus täglich ein Taxi mit meinem Material nach Essen schicken und hatte auf einmal Luft bis in den Abend hinein - himmlische Arbeitsbedingungen für einen engagierten Journalisten, der eine überaus aktuelle Tageszeitung machen wollte. Die täglich anfallenden Taxi-Kosten waren weder für den Verlag noch für mich vordergründig wichtig. Entscheidend war, und daran hatten alle ihre Freude, dass die Zeitung im Raum Walsum voran kam.

Wilhelm Huch, Pfarrer der Pfarrei St. Josef in Walsum, stieß auf offene Ohren, als er mir eines Tages vorschlug, eine wöchentliche Rubrik einzuführen, in der seelsorgliche Gedanken von Walsumer Geistlichen vorgetragen werden sollten. Auf Huch ging auch der Titel der Rubrik zurück: Sie hieß > „Bedenkliches", so wie die, die seit 1984 im „Kevelaerer Blatt" veröffentlicht wird. Sie war die erste ihrer Art im Lokalteil einer Tageszeitung an Rhein und Ruhr.

Viele Jahre danach - es war im Mai 1996 - meldete ich im „Kevelaerer Blatt", dass Wilhelm Huch im Alter von 66 Jahren gestorben sei. Er hatte zuletzt in der Nähe des Wallfahrtsorts gewohnt und war Pfarrer der Pfarrgemeinde in Herongen gewesen. Ich erzählte den Kevelaerer Lesern davon, dass das erste „Bedenkliche" in der Walsumer WAZ gestanden habe und Wilhelm Huch der Ideengeber gewesen sei. Und natürlich auch davon, wer den Anstoß gegeben habe, diese Rubrik 1984 im KB einzuführen:  > Lothar Friedrich von der Evangelisch Freikirchlichen Gemeinde Kevelaer.

Die Walsumer Zeit - sie war ein Bilderbuchstart in den Journalistenberuf. Nie werde ich meinem - leider früh verstorbenen - Lokalchef Hans Götte vergessen, dass er mir diesen außergewöhnlichen Freiraum einräumte, in dem ich mich entfalten konnte.

Foto zeigt Horst MorgenbrodBis Ende 1969 blieb ich WAZ-Redakteur für Walsum. Bauchschmerzen und schlafgestörte Nächte bekam ich, nachdem mich Horst Morgenbrod von der „Rheinischen Post" davon überzeugt hatte, dass eine neue berufliche Aufgabe jetzt der richtige Schritt war.

Horst Morgenbrod (†), Chef vom Dienst der Rheinischen Post.

Hans Götte, mein väterlicher Lokalchef, der mich als seinen Nachfolger gesehen hatte, war betroffen, als ich ihm meine Entscheidung endlich mitteilte. Zehn Jahre danach, als wir uns privat trafen, fragte er mich, ob ich meinen Schritt schon einmal bereut hätte. Ich gab eine ausweichende Antwort, um ihn nicht zu verletzen.

Außer Hans Götte hatte mich während meiner WAZ-Zeit der Lokalchef der NRZ, Karl Wagemann, tief beeindruckt. Ich erinnere mich an ein Hintergrundgespräch mit dem Dinslakener Stadtdirektor, das der Vollblut-Journalist mit ihm führte und dem ich als unerfahrener WAZ-Vertreter beiwohnen durfte. Ich sperrte vielleicht tatsächlich, aber mindestens im übertragenen Sinn Augen und Ohren offen und saugte aus der Technik, wie Wagemann das Gespräch führte, Honig.

Der spätere Theodor-Wolff-Preisträger sagte einmal einer jungen Kollegin: „Geschichten liegen auf der Straße. Immer wahrhaftig bleiben. Prüfe alles, was du hörst". Karl Wagemann, kein Zweifel, war der bedeutendste Journalist, den ich in meinen beruflichen Anfangsjahren kennen gelernt hatte.

Wir verloren uns aus den Augen. Er wechselte zur NRZ Duisburg, ich nach Emmerich. Nur einmal trafen wir uns Jahre danach wieder, und wie er so war: Er polterte liebenswürdig und mit sarkastischen Zwischentönen los, durchtrieben von Humor. In meiner Erinnerung an den inzwischen verstorbenen Journalisten lächelte er bei dieser letzten, zufälligen Begegnung.

Mit einem etwas verunglückten Knüller hatte ich mich von „meinen„ Lesern in Walsum verabschiedet, und das kam so: Am Abend vor Silvester wurde der Karnevalsprinz proklamiert - ein großes gesellschaftliches Ereignis, bei dem der Name des neuen Prinzen erst gegen Mitternacht bekannt gegeben wurde. Es war klar, dass keine der drei konkurrierenden Tageszeitungen am nächsten Morgen den Namen im Blatt haben konnte, weil der jeweilige Redaktionsschluss weit vor Mitternacht lag. Dank meiner guten Beziehungen erreichte ich, dass mir die Identität des Karnevalprinzen der Session 1969/70 vorher anvertraut wurde, worauf ich einen Bericht von der Proklamation verfasste, die noch gar nicht stattgefunden hatte.

Um meine Informanten vor dem berechtigten Zorn der anderen Zeitungen zu schützen, verabredeten wir, dass ich die Veranstaltung wie gewohnt besuchen und spät am Abend im Kreise meiner Kollegen, die erst nach Neujahr berichten konnten, die Notlüge einfließen lassen würde, für diesen speziellen Fall sei der WAZ-Redaktionsschluss weit nach hinten geschoben worden.

Als ich am nächsten Morgen - es war der letzte Tag des Jahres 1969 - aufwachte, fuhr mir ein entscheidender Fehler meiner ansonsten vorzüglichen Berichterstattung über den neuen Karnevalsprinzen siedend heiß in die Glieder: Ich hatte, schon ganz in Gedanken an meine neue berufliche Aufgabe in Emmerich, schlicht und ergreifend vergessen, die Abendveranstaltung, über die ich berichtet hatte, zu besuchen.

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© Martin Willing 2012, 2013