ZWEI LEBEN Erinnerungen der Journalisten Delia Evers und Martin Willing
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INHALTSVERZEICHNIS

Kapitel 6

MARTIN WILLING

Der Traum von der Rheinwiese
Berührung mit der Musik
Kapitel 6

F
ür die Türme des Doms hatte ich keine Augen. Dort, wo der Rhein durch Köln fließt, lag Nacht über den Wiesen des östlichen Ufers. Ein Dutzend Fremde standen nahe dem Wasser, in dem sich die Lichter der Stadt spiegelten. Bei jedem Zug der Posaune blinkte sie auf, die Trompete blitzte, die Klarinette blieb dunkel, das Schlagzeug malte scharfe Konturen gegen den Nachthimmel, das weiße Fell meines Banjos leuchtete wie eine Lampe.

Die vier Jazzer kannte ich flüchtig seit dem Nachmittag. Unter den Leuten, die am Wasser verharrten, war mir nur ein Gesicht vertraut, das eines Mädchens, 17 oder 18 und so jung wie ich. Wir waren uns zuvor erst einmal begegnet, und zwar in Moers, wo ich zu einem Kreis junger Musiker gehörte, die schon mal abends im Schlosspark jazzten und im Tross ein paar Fans mitschleppten. Bei einer dieser spontanen Open-air-Sessions war die junge Frau aus Köln dabei gewesen.

Der Abend bleibt mir unvergesslich, weil vom nahen Pastorat der katholischen Kirche die Polizei gerufen wurde, die dann die Jazzer und ihre Fans, versammelt auf einem Kinderspielplatz im Park, wegen Störung der Nachtruhe des Platzes verwies.

Ich war der jungen Frau mit meinem Banjo im Gepäck nach Köln gefolgt, denn - so hatte sie mich informiert - am späten Abend würde am Fluss gejazzt. Sie kellnerte in einer Kölner Szenekneipe. Dort war unser Treffpunkt. In den wenigen Stunden meiner Kölner Visite tauchte ich in eine faszinierend andere Welt ein, die mir gleichwohl auf unerklärbare Weise heimisch war. Jazzer und Jazzfreunde brauchen nicht lange, um ihre Seelenverwandtschaft zu erkennen. Foto zeigt Martin Willing am KeyboardDas viersaitige Tenorbanjo war mein drittes Instrument nach Klavier und Gitarre, das ich spielte, wobei ich auf dem elterlichen Flügel zum Verdruss meiner Familie längst keine klassischen Stückchen mehr klimperte, für die ich als Kind teuren Klavierunterricht genossen hatte.

Martin Willing am Klavier: 50 Jahre danach.

Ich hatte mich zu einem renitenten Noten-Legastheniker entwickelt, der nur nach Gehör spielte und in Klangbildern musizierte. Für mich war das Klavier Rhythmus-, nicht Melodieinstrument. Es folgte unter meinen Fingern bluesonalen Stimmungen. Beim Blues war ich tief im Innern berührt wie von keiner anderen Musik. Und wenn ich die Meister hörte, die den Boogie oder den Blues spielten, bewegte sich mein ganzer Körper.

N
atürlich hatten es meine Eltern gut gemeint, als sie mir beim Übergang vom Kind zum Jugendlichen eine Gitarre schenkten und dazu den Unterricht in klassischer Gitarre. Schon bald entwich ich dem Abspielen vom Blatt und brachte mir die Griffe selbst bei, die im Laufe der Lernphase zu durchaus kunstvollen Akkorden heranreiften.

Was ich aus meiner begleitenden Gitarre herausholte, kann so schlecht nicht gewesen sein, denn als ich - da war ich der Obertertia kaum entwachsen - zusammen mit meinem Klassenkameraden Henner Reichmann, der die gängigen Schlager unserer Zeit auf dem Akkordeon drauf hatte, für ein Stündchen die Tanzkapelle beim Presseball des Moerser Presseclubs bildete, ergriff niemand die Flucht. Jazzer und Blues

I
ch brauchte Klangbilder und Rhythmus. Vom Gospel schon früh gefangen, konzentrierte ich mich als Jugendlicher auf den Blues in seiner schwärzesten Prägung. Wenn ich Platten hörte oder Konzerte besuchte, wusste ich schon nach den ersten Takten, ob es „meine„ Musik war. Ich erinnere mich an ein Gospelkonzert mit einem professionellen Chor aus Amerika, das ich enttäuscht nach der Pause verließ, weil in meinen Ohren die Sänger die Bluesonalität nicht perfekt beherrschten, so wie ich es erwartet hatte.

Martin Willing,
Bluessänger (Signierkreide).

Den schlichten Aufbau des Blues aus drei Chorussen hatte ich in Fleisch und Blut, die Bluetöne im Gefühl. Ich liebte sie auch im Oldtime-Jazz, der als Dixieland in den 50er- und 60er-Jahren populär geworden war, und fühlte mich zu dieser Szene immer stärker hingezogen.

Bei jeder Gelegenheit hörte ich die Platten des Klarinettisten Bernhard Stanley Bilk, der als Mr. Acker Bilk Weltruhm erlangte und dessen zitternden Tonfugen mir durch Mark und Bein gingen, und natürlich die von Chris Barber, dessen erster Banjomann, Lonnie Donegan, mein Vorbild war, als ich, von der sechssaitigen Gitarre kommend, mir das Spiel auf dem viersaitigen Tenorbanjo beibrachte.

Der Wechsel von Gitarre zum Banjo markierte nur äußerlich den Zeitpunkt, an dem meine kompromisslose Liebe zum alten Jazz entfacht war. Schon als Kind brauchte ich melodischen Wohlklang in meinem Ohr, um die Musik als meine zu empfinden. Die bekanntesten Opern und Arien hätte ich mitpfeifen können, so oft hatte ich sie am elterlichen Plattenspieler genossen. Noch heute dringt, wenn das Autoradio Mozart oder Verdi spielt, das Bild in mein Gedächtnis, wie ich vor dem braunen Möbelstück in unserem Wohnzimmer lag und in mich aufsaugte, was der Zehn-Platten-Wechsler ertönen ließ.

Meine neue Musik, deren Harmonie und Rhythmus mich fesselten, begegnete mir zum ersten Mal in der Nachbarschaft des Elternhauses. In der Abteistraße lebten die Trippe-Brüder, und einer von ihnen hatte in Moers die Wandergruppe „Zugvogel" aufgebaut. Das Zugvogel-Heim befand sich in einem Solitärbau auf dem Gelände des Martin-Stifts an der Filderstraße. Als ich dort zum ersten Mal einen Heimabend erlebte, am Kamin mit offenem Feuer, heißem Tee und Liedern, die der Gruppenleiter sang und auf seiner Gitarre spielte, war ich wie glücklich wie bei einer Erleuchtung.

Wir sangen Volkslieder, die jedem geläufig waren, und Lieder aus fernen Ländern, die erst viel später populär wurden. Unser Zugvogel-Führer kannte sie schon und brachte sie uns bei. Es wäre mir egal gewesen, wenn verkopfte Musikkritiker uns die manchmal schwermütigen, sentimentalen Lieder um die Ohren gehauen hätten. Ich liebte an diesen Liedern ihren weichen Wohlklang und lernte, mein Gehör für Harmonien zu schulen.

Natürlich faszinierte den 14-, 15-jährigen Jungen auch die Naturverbundenheit der Gruppe. Wir schulterten Rucksäcke, die wir Affen nannten, und wanderten und trampten durch den Niederrhein, trafen in einem Wäldchen an verabredeten Stellen wieder zusammen, holten aus dem Gebüsch lange Stangen, die dort zuvor abgelegt worden waren, bauten unsere Kote aus einzelnen Planen auf und verbrachten die Nacht auf einer Lichtung vor dem Wäldchen. Am Feuer im schwarzen Zelt wurde gesungen und erzählt. Für den Tee hatte jeder eine halbe Kokosnussschale dabei.

Mein handgeschriebenes Liederbuch aus dieser Zeit wurde mir zur liebsten Lektüre. Ich begleitete mich auf der Gitarre zu Hause und wuchs langsam in meine ersten Jazz-Harmonien hinein. Foto zeigt Banjo von Martin WillingIch hatte mein Instrument dabei, als ich, immer noch Jugendlicher, von Nordengland, wo ich für sechs Wochen in einer Familie lebte, um meine Englischkenntnisse zu verbessern, für einige Tage nach London trampte, um in der europäischen Jazzmetropole der damaligen Zeit zu hören, was ich so liebte.

Mein Gibson-Banjo
von 1940. Von dem Privatverkäufer dieses Banjos erwarb ich auch ein zweites Banjo - ein wunderschön verziertes Instrument aus Frankreich. Rund 40 Jahre später, nämlich im Jahr 2013, mailte mich dieser Verkäufer an und fragte, ob ich dieses französische Banjo noch besitze. Er wolle das Instrument gerne zurückzukaufen.

In der ersten Nacht verkroch ich mich im Hydepark, der abends abgesperrt wurde, in einen kleinen Zeltpavillon, der neben einem verwaisten Getränkestand aufgebaut war. Die zweite Nacht verbrachte ich auf einer Parkbank, standesmäß bedeckt mit Zeitungen und trotzdem am nächsten Morgen vollgekleckert mit dem, was die Tauben im Baumgeäst über mir unter sich gelassen hatten.

Nicht dass das wichtig gewesen wäre, aber für meine Geschichte haben die beiden ungemütlichen Nächte durchaus Bedeutung, denn ich muss ziemlich erschöpft ausgesehen haben - vielleicht auch nur wie ein blutjunger Pennbruder. Jedenfalls machte ich beim Eintritt in ein Jazzlokal irgendwo in London, von dem ich gelesen hatte, dass dort die Größen des Jazz regelmäßig spielen würden, eine bemerkenswerte Erfahrung: Die Leute starrten mich an, als käme ich aus einer anderen Welt.

Ich führte das auf meine etwas unorthodoxe Erscheinung zurück und zupfte an meinem bekleckerten, nur grob gesäuberten Mantel. Dann verdrückte ich mich in eine Ecke und wartete das weitere Geschehen ab. Tief hinten im weitläufigen Lokal hörte ich ihn rollen: Jazz vom Feinsten.

N
ach einigen Momenten hatten sich meine Augen an das schwache Licht in dem Jazzlokal gewöhnt. Und dann überkam mich, den Pennäler aus der Kleinstadt am Niederrhein, ein mulmiges Gefühl. Die dunklen Gesichter der vielen Gäste wurden nämlich nicht heller, denn es waren - so habe ich es jedenfalls in Erinnerung - ausnahmslos schwarze Jazzfreunde, die das Lokal bevölkerten. Einer muss wohl die Verwirrung des Jugendlichen gespürt haben. Er kam zu mir und löste in wenigen Augenblicken durch seine Freundlichkeit meine Verspannung.

Es wurde ein sensationeller Abend. Mr. Acker Bilk, dessen Stücke wie Ohrwürmer in mir waren, stand leibhaftig mitten unter uns und spielte eine Klarinette, wie ich sie eindringlicher nie wieder gehört habe.

Von solcher Musik träumte ich damals auf der Rheinwiese bei Köln, und es machte mir nichts aus, dass wir unvollkommene Amateurmusiker waren. Denn es blieb kein Traum: Musik, die mit den eigenen Fingern gespielt wird, schenkt Glücksgefühle - tiefer und unmittelbarer, als das je beim Hören der Meister möglich wäre.

Mit 17 oder 18 Jahren war ich soweit, dass ich die meisten Stücke aus dem Repertoire der bekannten Jazzbands auf meinem Instrument beherrschte und ich, ohne lange zu fackeln, in Amateurbands den Banjomann geben konnte. Die Titel, ihre Harmonien und den Chorus-Aufbau hatte ich in einem grünen Ringbuchheft gesammelt. Beim täglichen Üben tat es gute Dienste, vor Publikum wurde frei gespielt.Jennifer Langlands

A
ls Jennifer Langlands, ein Mädchen aus der Familie, die mich in Nordengland im Jahr zuvor während der Schulferien aufgenommen hatte, zu einem Gegenbesuch nach Moers kam, hing ich mit ihr tagelang vor dem Schallplattenapparat und spielte immer wieder Blues-Stücke ab, während die junge Engländerin den oft schwer verständlichen Text für mich aufschrieb.

Jennifer half mir,
die englischen Texte auszuformulieren.

Mein Pech war, dass die nicht wenigen Amateurgruppen, mit denen ich als Jugendlicher am Niederrhein und in Westfalen in Kontakt gekommen war, ausnahmslos schon Banjomänner hatten. Bläser wurden gesucht, Banjospieler nicht. Mir blieben nur Gastrollen.

So entwickelte ich mich mit meinem Rhythmusinstrument zwangsläufig zum Solisten, was widersprüchlich, aber nicht zu ändern war, und spielte auch später, als ich längst für Zeitungen arbeitete, Tag für Tag, Stunde um Stunde. Noch heute fühle ich mit meinem Wohnungsnachbarn mit, bei dem der helle, durchdringende Klang des Banjos wegen der dicken Mauern nur als belästigendes Geräusch angekommen sein muss.

E
in Rhythmusinstrument wie das Banjo braucht die Band. Die sollte es nun endlich bekommen - Ende 1970, als ich mich nach meinem beruflichen Wechsel in Emmerich eingelebt hatte und mit Amateurjazzern in Kontakt gekommen war. Wir, ein Hauptschullehrer (Klavier und Gesang), ein Berufsschüler (Schlagzeug), ein Immobilienhänder (Bassgitarre) und ein Journalist (Banjo), gründeten die Daniel Düsentrieb's Jazzcompany.

Drei Jahre lang trafen wir uns jede Woche zum Proben in wechselnden Refugien, bis wir in Emmerich einen Keller mit herrlichem Gewölbe beziehen konnten. Wir spielten auch auswärts gegen Honorar, so zum Beispiel in einem Gelderner Szenelokal an der Issumer Straße, das es heute nicht mehr gibt.

Mit meiner Berufung zum Lokalchef der „Rheinischen Post" in Geldern - Mitte 1973 - ging diese schöne Episode mit einer eigenen Jazzband zu Ende. 

Kapitel 6

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© Martin Willing 2012, 2013